Zusammenfassung

Die Philosophie von Marx und Engels, deren Systematisierung von Engels stammt, wird als „dialektischer Materialismus“ bezeichnet. Engels hat die Entstehung dieses Denkgebäudes folgendermaßen dargestellt: Ursprünglich war Marx ein Anhänger von Hegels dialektischem Idealismus, was ohne Zweifel den Tatsachen entspricht. Die Lektüre von Ludwig Feuerbachs Werk „Vom Wesen des Christenthums“ habe Marx dann „momentan“ vom Materialismus überzeugt. Die besondere Leistung von Marx lag nach Engels nun darin, den Materialismus von Feuerbach mit der Hegelschen Dialektik verbunden zu haben, womit er die „materialistische Dialektik“ geschaffen habe.

Die Lektüre der frühen Schriften von Marx und Engels zeigt, dass diese Darstellung nicht den Tatsachen entspricht. Dennoch hat Engels damit eine langlebige Legende geschaffen, obwohl er es natürlich besser hätte wissen müssen. Er hat aber mit dieser Legende nicht nur seine eigene Rolle herunter gespielt, sondern mit Ausnahme von Hegel und Feuerbach auch die aller anderen Personen, die eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung des philosophischen Weltbildes seines Freundes gespielt haben. Diese werden nun in den folgenden Beiträgen wieder ins rechte Licht gerückt.

Der Weg zum „dialektischen Materialismus

Einführung

Die Philosophie von Marx und Engels wird als „dialektischer Materialismus“ bezeichnet. Diesen Begriff haben Marx und Engels nie benutzt. Er tauchte erstmals im Jahr 1888 bei Josef Dietzgen[1]Josef Dietzgen, der aus einer Arbeiterfamilie stammte, hatte selbständig Vorstellungen eines dialektischen Materialismus entwickelt, was Marx zu der brieflichen Lobeshymne hinriss: „Apropos. … Continue reading (1828-1888) auf und wurde dann in den 1890er Jahren vor allem durch Georgi Plechanow (1856-1918) verbreitet. Später wurde er in der Sowjetunion und vor allem von Stalin kanonisiert und dogmatisch verengt.[2]Siehe hierzu und zu den verschiedensten Interpretationen des Begriffes: Marx-Handbuch 2016, S. 306-310. Urs Lindner stellt aber zu recht fest, dass „die Spätphilosophie von Engels […] mit gutem Recht als Entstehungsherd“ dieses Begriffes gelten kann.[3]Marx-Handbuch 2016, S. 306. Es war Engels, der die philosophischen Vorstellungen von Marx – so wie er sie verstand – in späteren Jahren systematisierte und dafür die Bezeichnung „materialistische Dialektik“[4]Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW, Bd. 21, S. 293 (im Folgenden zitiert als: Engels: Feuerbach (MEW, Bd. 21). Da die Beschreibung der … Continue reading benutzte.[5]Marx selber hat ja seine philosophischen Vorstellungen niemals im Zusammenhang dargestellt, wiewohl er es durchaus plante, wie er Joseph Dietzgen am 9. Mai 1868 schrieb: „Wenn ich die ökonomische … Continue reading

Im Gegensatz zu Karl Marx, der ja in Philosophie promoviert wurde, war Engels auf diesem Gebiet – wie auch auf allen anderen – Autodidakt, da er nie studieren konnte. Während seiner Militärzeit in Berlin besuchte er aber Vorlesungen in der Universität – so z.B. die von Schelling, von denen er in seiner ersten Abrechnung mit diesem eine lebhafte Schilderung gab.[6]„Schelling über Hegel“, das er unter dem Pseudonym Friedrich Oswald im „Telegraph für Deutschland“ im Dezember 1841 veröffentlichte; in: MEW, Bd. 41, S. 163-170 (Von seiner Ablehnung … Continue reading Hierin verteidigte Engels Hegel entschieden gegen die Schellingschen Angriffe, zumal die Junghegelianer gezeigt hätten, welch religionskritischen Schlüsse aus den Werken des Altmeisters gezogen werden könnten.

Engels Darstellung der Genese der Marxschen Philosophie

Marx war begeisterter Anhänger der Junghegelianer[7]Hierzu gehörten u.a. David Friedrich Strauß (1808-1874), Bruno Bauer (1809-1882), Max Stirner (1806-1856) und Ludwig Feuerbach (1804-1872). Der Begriff bezog sich anfangs auf die jüngeren Schüler … Continue reading – namentlich von Bruno Bauer, einem der führenden Köpfe dieser Gruppe, der auch seine Promotion betreut hatte. Diese bildeten den linken Flügel der Anhänger der idealistischen Philosophie Hegels, die damit „die Philosophie der aufstrebenden radikalen Bourgeoisie“[8]Engels: Feuerbach (MEW, Bd. 21, S. 271). vertrat, so Friedrich Engels in seinem Buch „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“[9]„Marx und Engels begreifen die kdPh [klassische deutsche Philosophie RS] als eine zusammenhängende, mit Feuerbachs Religionskritik »abgeschlossene« Denkepoche. […] Die eigene Entwicklung … Continue reading. Hierin schilderte er im Jahre 1886 – also nach dem Tod seines Freundes und über 40 Jahre nach diesen Vorgängen – wie es zu dem radikalen Bruch mit den Junghegelianern kam. Nach Engels war der Auslöser die Lektüre des Buches von Ludwig Feuerbach „Das Wesen des Christenthums“[10]Es erschien 1841 bei Otto Wigand in Leipzig., worin der „Materialismus ohne Umschweife wieder auf den Thron erhob[en]“[11]Nach Vieth ist aber auch Epikur, mit dem sich Marx in seiner Dissertation auseinandergesetzt hat, „eine mögliche Quelle […] seiner Materialismusemphase.“ (Marx-Handbuch 2016, S. 33). wurde, so Engels. Hieraus ergab sich, dass „die Natur unabhängig von aller Philosophie“ existiere und dass es „außer der Natur und den Menschen nichts“ gibt.

Und Engels fährt fort:
„Wir waren alle momentan Feuerbachianer.[12]Marx hatte sich aber bereits in seinen „Thesen über Feuerbach“, die er 1845 verfasst hatte, kritisch mit diesem auseinandergesetzt. Er kritisierte vor allem die passive Beobachterrolle, die … Continue reading Wie enthusiastisch Marx die neue Auffassung begrüßte und wie sehr er – trotz aller kritischen Vorbehalte – von ihr beeinflußt wurde, kann man in der ‚Heiligen Familie‘[13]Marx, Karl; Engels, Friedrich: Die heilige Familie oder 
Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: MEW, Bd. 2, S. 3-223 (Im folgenden zit. als Marx, Engels: Heilige … Continue reading lesen.“[14]Engels: Feuerbach, in: MEW 21, S. 272.

Im Folgenden erklärt Engels den Unterschied zwischen Idealismus und Materialismus:
„Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen […], bildeten das Lager des Idealismus. Die andern, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiednen Schulen des Materialismus.“[15]Ebd., S. 275.
Aber Marx ging noch über Feuerbach hinaus, wie Engels im weiteren erläuterte, indem er den „Kultus des abstrakten Menschen“ von Feuerbach ersetzte
„durch die Wissenschaft von den wirklichen Menschen und ihrer geschichtlichen Entwicklung. Diese Fortentwicklung des Feuerbachschen Standpunkts über Feuerbach hinaus wurde eröffnet 1845 durch Marx in der „Heiligen Familie“.“[16]Ebd., S. 290.

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt von Marx und Engels an der Philosophie von Feuerbach war, dass er den Fehler begangen hatte, mit dem Hegelschen Idealismus auch seine Dialektik über Bord geworfen zu haben. Somit hatte Marx – nach Meinung von Engels – die einzige Richtung unter den Anhängern Hegels vertreten, die „wirklich Früchte getragen hat“[17]Ebd., S. 291. Noch 1865 nahm Engels Hegel gegen Kritik in Schutz, als er an Friedrich Albert Lange schrieb: „Ich bin natürlich kein Hegelianer mehr, habe aber doch immer noch eine große Pietät … Continue reading, indem er den Materialismus von Feuerbach mit der Dialektik von Hegel verband.

Eine Rekonstruktion der Entstehung des dialektischen Materialismus‘

Mit seiner Darstellung hat Engels – ob bewusst oder unbewusst – mehrere falsche Fährten gelegt. Es ist allerdings diese Darstellung, die vom orthodoxen Marxismus – und nicht nur von diesem – über mehr als ein Jahrhundert tradiert wurde und z.T. heute noch wird. Sie lässt sich allerdings mit den damaligen Schriften von Marx nicht belegen.

Die Frage, ob Engels diese Legenden ganz bewusst in die Welt gesetzt hat, um Marx in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, um sein eigenes Licht unter den Scheffel zu stellen oder gar, um die Quellen, aus denen Marx und er geschöpft haben, zu verdunkeln, ist schwer zu beantworten. Zumindest kann man festhalten, dass Engels es hätte besser wissen müssen, denn erstens war er ab dem Jahre 1844 als Freund und engster Weggefährte von Marx direkt an der Entwicklung von dessen Gedankenwelt beteiligt. Und außerdem war Engels zum Zeitpunkt der Darstellung der Genese des Marxschen Denkens – also in den 1880er Jahren nach dem Tode von Marx – der einzige Mensch auf der Erde, dem alle entscheidenden Schriften von Marx aus den 1840er Jahren vorlagen, da sie ja zum Teil noch gar nicht veröffentlicht waren; die also – außer ihm – kein anderer Mensch kannte. Möglicherweise ging es Engels aber auch gar nicht um eine historisch korrekte, sondern um eine eingängige und populäre Darstellung, um ihr „Unternehmen Weltrevolution“ optimal zu vermarkten.

Auf jeden Fall ist es notwendig und auch sehr lohnend, sich intensiver mit dem Frühschriften von Marx und Engels zu beschäftigen, weil man hier deutlicher als irgendwo sonst ihre Vorstellungen und deren Herausbildung und Entwicklung erkennen kann, die ihrem gesamten Werk zugrunde lagen.

Ausblick auf die weiteren Beiträge zu diesem Thema

Diese Fragen werden nun in einzelnen Beiträgen untersucht, die in den nächsten Wochen hier veröffentlicht werden.

Man könnte aus den Schilderungen von Engels den Eindruck gewinnen, die einzigen Materialisten in Deutschland wären Feuerbach und in seiner Folge dann Marx und er selber gewesen. Das wäre allerdings ein völlig falscher Eindruck. Deshalb wird in einem ersten Beitrag auf die Entstehung und Bedeutung des Materialismus im 19. Jahrhundert in Deutschland eingegangen, der großen Einfluss gewann, aber auch Gegner auf den Plan rief. Die Auseinandersetzung gipfelte in der Mitte des Jahrhunderts im Materialismus-Streit. Bei dieser Auseinandersetzung, in der den naturwissenschaftlichen Materialisten, die auf Seiten der Demokraten standen, von ihren Gegner vorgeworfen wurde, Glauben und Staat zu unterminieren, spielten die Vorstellung von Marx und Engels überhaupt keine Rolle. Engels hat sich an dieser Auseinandersetzung auch nicht beteiligt – sein erstes größeres philosophisches Werk (Anti-Dühring) erschien ja auch erst 1877, als die Debatte längst entschieden war. Eine wesentliche Lehre daraus war die strikte Trennung von Religion und Philosophie, also von Vernunft und Glauben. Eine Ansicht, die ja schon Kant gut begründet vertreten hatte. Engels ging auf die anderen Materialisten, die z. B. auf dem Gebiet der Naturwissenschaften ganz ähnliche Ansichten vertraten wie er, höchstens mit abfälligen Bemerkungen ein.

Im nächsten Beitrag wird der Frage nachgegangen, welche Rolle Hegel, Bauer und Feuerbach für Marx tatsächlich spielten. Hier wird auf die enge persönliche und inhaltliche Beziehung zwischen Karl Marx und Bruno Bauer eingegangen, dessen spekulative Philosophie, in der die Aufhebung der Entfremdung des Menschen eine zentrale Rolle spielte, Marx sich zu eigen machte. Und es stellt sich heraus, dass Marx nicht in erster Linie über den Materialismus Feuerbachs begeistert war, sondern darüber, dass es Feuerbach gelungen war, die Entfremdung des Menschen von Gott aufzuheben. Dies brachte er dadurch zustande, dass er Gott als eine Schöpfung des Menschen angesehen hatte.

Das Mittel, um auch die übrigen Entfremdungen des Menschen aufzuheben, fand Marx nun in den Ansichten des Kommunisten Moses Hess. Dessen Meinung nach würde dies durch eine kommunistische Gesellschaft erreicht werden, in der das Privateigentum – die Wurzel allen Übels – abgeschafft sein und damit auch die freie Liebe herrschen würde. Das Subjekt dieser Befreiung war das Proletariat, das vom Philosophen angeleitet, durch eine Revolution den Kapitalismus beseitigen würde, so die spekulative Schlussfolgerung von Karl Marx. Mit dieser radikalen Wendung handelte sich Marx die Kritik seines Freundes und Mentors Bruno Bauer ein, den er im Gegenzug mit – wie er glaubte – vernichtender Kritik überzog.

Und schließlich werden wir sehen, dass es Engels war, der Marx von seiner spekulativen Philosophie abbrachte und der für die Hinwendung seines Freundes zur Ökonomie und zum Materialismus sorgte.

Anschließend werden die wichtigsten Werke von Marx und Engels aus ihrer Frühphase analysiert, um dadurch die Entwicklung des Denkens der Beiden im Detail verstehen zu können.

Bei Karl Marx war dies zuerst sein Dissertation aus dem Jahre 1841, die noch ganz im spekulativen Geiste von Bruno Bauer gehalten war.

Weiterhin wichtig sind die beiden kurzen Aufsätze „Hegelsche Rechtsphilosophie, Einleitung“, aus der Marx’ Hinwendung zum Kommunismus ablesbar ist, sowie „Über die Judenfrage“, die neben einer Abrechnung mit Bruno Bauer einen radikalen Antisemitismus und die Ablehnung von individuellen Freiheits- und Menschenrechten beinhaltete.

Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte sich Engels längst mit ökonomischen Fragen und sah sie als das grundlegende für jede Gesellschaft an. Sein Aufsatz „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ und sein Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ regten seinen neuen Freund an, sich auch vermehrt mit der Ökonomie zu beschäftigen. Ein Thema, das ihn dann bis ans Ende seines Lebens nicht mehr losließ.

1844 unternahm der Philosoph die ersten tastenden Schritte auf diesem fremden Gebiet und legte seine Überlegungen in seinen erst lange nach seinem Tode veröffentlichten „Ökonomisch-philosophische[n] Manuskripte“ von 1844 nieder. Dieser Text atmet noch vollständig den Geist der Spekulation. Bis zu einem materialistischen Standpunkt, wie Engels ihn bereits vertrat, war es noch ein weiter Weg.

Ein Jahr später schrieb Marx dann ja die berühmten „Feuerbach-Thesen“ nieder, die Engels nach dem Tode seines Freundes veröffentlichte und von denen er behauptete, dass dies das „erste Dokument“ sei, „worin der geniale Keim der neuen Weltanschauung niedergelegt ist.“ Tatsächlich sind diese Thesen sehr rätselhaft und dunkel und können nicht als die Grundlage des dialektischen Materialismus angesehen werden.

Zum Schluss wird auf die ersten beiden Gemeinschaftswerke der beiden Revolutionäre eingegangen: „Die heilige Familie“, das 1845 veröffentlicht wurde, und die „Deutsche Ideologie“ die erst lange nach ihrem Tod herausgegeben wurde.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Josef Dietzgen, der aus einer Arbeiterfamilie stammte, hatte selbständig Vorstellungen eines dialektischen Materialismus entwickelt, was Marx zu der brieflichen Lobeshymne hinriss: „Apropos. Kennen Sie Dietzgen? […] Er ist einer der genialsten Arbeiter, die ich kenne“ (Brief an Meyer und Vogt vom 28.10.1868, in MEW, Bd. 32, S. 575).
2 Siehe hierzu und zu den verschiedensten Interpretationen des Begriffes: Marx-Handbuch 2016, S. 306-310.
3 Marx-Handbuch 2016, S. 306.
4 Engels, Friedrich: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. In: MEW, Bd. 21, S. 293 (im Folgenden zitiert als: Engels: Feuerbach (MEW, Bd. 21). Da die Beschreibung der Marxschen Philosophie und anderer Bereiche der Ideen von Karl Marx von Friedrich Engels stammt, sollte der Marxismus richtiger Marxismus-Engelsismus (siehe auch Stichwort „Engelsismus“ in HKWM, Band 3, Sp. 384-392.) heißen. Zur Auseinandersetzung zwischen „Marxianern“ und „Engelsisten“ um die Bewertung der jeweiligen Anteile am Marxismus der beiden Freunde s.a. Hunt 2013, S. 11-17.
5 Marx selber hat ja seine philosophischen Vorstellungen niemals im Zusammenhang dargestellt, wiewohl er es durchaus plante, wie er Joseph Dietzgen am 9. Mai 1868 schrieb: „Wenn ich die ökonomische Last abgeschüttelt, werde ich eine ‚Dialektik’ schreiben. Die rechten Gesetze der Dialektik sind schon im Hegel enthalten; allerdings in mystischer Form. Es gilt diese Form abstreifen.“ (MEW 32, S. 547) Er hat sich aber noch im Jahre 1873 als Schüler Hegels bekannt, indem er im Nachwort zur 2. Auflage des Kapitals feststellte, dass Hegel die „allgemeinen Bewegungsformen“ der Dialektik „zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat.“ Und er fuhr fort mit der Kopfstand-Metapher, die Engels in anderer Form später auch benutzen sollte (Engels: Feuerbach, in: MEW, Bd. 21, S. 293): „Sie [die Dialektik RS] steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“ (MEW, Bd. 23, S. 27). Siehe dazu auch Wagenknecht 2013. Es sind eigentlich zwei Methaphern. In der einen steht die Dialektik bei Hegel auf dem Kopf, in der anderen ist ihr „rationelle[r| Kern in der mystischen Hülle“ versteckt. Einmal muss man die Dialektik vom Kopf auf die Füße stellen, ein andermal von innen nach außen stülpen.
6 „Schelling über Hegel“, das er unter dem Pseudonym Friedrich Oswald im „Telegraph für Deutschland“ im Dezember 1841 veröffentlichte; in: MEW, Bd. 41, S. 163-170 (Von seiner Ablehnung Schellings zeugen auch die beiden folgenden Broschüren: „Schelling und die Offenbarung“ (ebd., S. 173-221) und „Schelling, der Philosoph in Christo“ (ebd., S. 225-245).
7 Hierzu gehörten u.a. David Friedrich Strauß (1808-1874), Bruno Bauer (1809-1882), Max Stirner (1806-1856) und Ludwig Feuerbach (1804-1872). Der Begriff bezog sich anfangs auf die jüngeren Schüler von Hegel, die den Meister nur noch kurz oder gar nicht kennengelernt hatten. Später verschob sich die Bedeutung und bezog sich auf diejenigen, die Hegels Methode und eben auch die herrschenden Verhältnisse und das protestantische Christentum mehr oder weniger scharf kritisierten. David Strauß hat für denselben Sachverhalt die Begriffe „Links-„ und „Rechtshegelianer“ eingeführt (s. Rosen 1977, S. 33 ff.).
8 Engels: Feuerbach (MEW, Bd. 21, S. 271).
9 „Marx und Engels begreifen die kdPh [klassische deutsche Philosophie RS] als eine zusammenhängende, mit Feuerbachs Religionskritik »abgeschlossene« Denkepoche. […] Die eigene Entwicklung wird als deren folgerichtiges Resultat erklärt; die Sicht auf die historischen Vorläufer in ihren widersprüchlichen Gestaltungen verengt sich darin auf die wesentlichen, der eigenen Position vorarbeitenden Theoreme in einer aufsteigenden Entwicklungslinie.“ (HKWM („klassische deutsche Philosophie“), Band 7/I, Sp. 922). Die dort angegebene Quelle (MEW 19, S. 188) ist nicht richtig. Man findet aber entsprechende Aussagen bei Engels in der „Dialektik der Natur“ (MEW 20, S. 334) oder in „Ludwig Feuerbach …“ (MEW 21, S. 305 und 307).
10 Es erschien 1841 bei Otto Wigand in Leipzig.
11 Nach Vieth ist aber auch Epikur, mit dem sich Marx in seiner Dissertation auseinandergesetzt hat, „eine mögliche Quelle […] seiner Materialismusemphase.“ (Marx-Handbuch 2016, S. 33).
12 Marx hatte sich aber bereits in seinen „Thesen über Feuerbach“, die er 1845 verfasst hatte, kritisch mit diesem auseinandergesetzt. Er kritisierte vor allem die passive Beobachterrolle, die Feuerbach nach Marx den Philosophen zuwies. Diese Kritik gipfelte in der berühmten 11. und letzten These: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ (Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: MEW, Bd. 3, S. 533; Hervorh. im Original). Diese Thesen wurden von Friedrich Engels posthum im Jahre 1888 veröffentlicht.
13 Marx, Karl; Engels, Friedrich: Die heilige Familie oder 
Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer und Konsorten, in: MEW, Bd. 2, S. 3-223 (Im folgenden zit. als Marx, Engels: Heilige Familie). Das Werk erschien 1845 und ist die erste Schrift, die Marx und Engels gemeinsam verfassten. „Absicht der Autoren war, sich von der Theorieentwicklung Bruno Bauers – ehemals Mentor von Marx – zu distanzieren und sich zum ‚realen Humanismus‘ Ludwig Feuerbachs zu bekennen.“ (s. Wikipedia: Die heilige Familie). In diesem Werk wird keine grundsätzliche oder weitergehende Kritik an Feuerbach geübt. Er wird vielmehr verteidigt gegen Bruno Bauer und „Konsorten“.
14 Engels: Feuerbach, in: MEW 21, S. 272.
15 Ebd., S. 275.
16 Ebd., S. 290.
17 Ebd., S. 291. Noch 1865 nahm Engels Hegel gegen Kritik in Schutz, als er an Friedrich Albert Lange schrieb: „Ich bin natürlich kein Hegelianer mehr, habe aber doch immer noch eine große Pietät und Anhänglichkeit an den alten kolossalen Kerl.“ (Brief vom 29. März 1865, in: MEW 31, S. 468).