Hinweis:

Auf dieser Seite finden sich sehr ausführliche Zitate, damit jeder die folgenden Interpretationen an den Marxschen Originaltexten überprüfen kann.

Zusammenfassung

Marx kritisiert in seinem Aufsatz zwei Veröffentlichungen seines vormaligen Freundes und Mentors Bruno Bauer, der darin als Voraussetzung der Judenemanzipation verlangt hatte, dass sie ihre Religion aufgeben müssten. Dem hielt Marx entgegen, dass eine politische Emanzipation für Juden möglich wäre in einem Staat, der sich vom Christentum emanzipiert, wie es in Frankreich und den USA der Fall war. Auch Menschenrechte können die Juden erhalten, da diese die Religionsfreiheit umfassen. Allerdings seien die Juden wie auch die gesamte Gesellschaft selbst nach Gewährung der Menschenrechte von der menschlichen Emanzipation noch weit entfernt, weil die Menschenrechte nur individuelle Rechte enthalten, wie z.B. das Recht auf Privateigentum, die den Menschen vom Gattungswesen entfremden.

In einer zweiten Argumentationsfigur behauptet Marx dann, dass in der bürgerlichen Gesellschaft der jüdische Geist bereits herrschen würde, der aus Schacher und Eigennutz bestünde und dessen Gott das Geld sei. Erst wenn sich die Menschheit vom Judentum emanzipiert hätte, wären auch die Juden wirklich emanzipiert. Jedwede Religion als Ausdruck der Entfremdung vom Gattungswesen würde sich durch diese Emanzipation und die dadurch bewirkte Aufhebung der Entfremdung in Luft auflösen.

Obwohl Marx sich antisemitischer Argumentationsmuster bediente, ist die Argumentation nicht antisemitisch, weil sie sich nicht per se gegen Juden richtete, sondern gegen alle Menschen, die vom jüdischen Schacher-Geist beseelt sind. Allerdings sind diese Äußerungen sehr pejorativ und diskriminierend, so dass man Marx durchaus Sozial-Chauvinismus vorwerfen kann, weil er die Vertreter des egoistischen „jüdischen Geistes“ theoretisch aus der Menschheit ausgrenzte und praktisch für minderwertig erklärte.

Gegen den „jüdischen Geist“ und die Menschenrechte

In den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ veröffentlichte Karl Marx zwei Artikel. Einerseits den Beitrag „Zur Judenfrage“[1]MEW, Bd. 1, S. 347-377 (im folgenden zitiert als Marx: Judenfrage)., den er im Jahre 1843 geschrieben hatte,[2]MEW 1, S. 377. und zweitens den Aufsatz „Hegelsche Rechtsphilosophie, Einleitung“[3]MEW 1, S. 378-391., den er Anfang 1844 fertig gestellt hatte. „Zur Judenfrage“ war seine erste Schrift, in der er die Dialektik Hegels mit dem spekulativen Entfremdungsbegriff Bruno Bauers, der „materialistischen“ Deutung desselben durch Feuerbach[4]Nach Gareth Stedman Jones wurde er aber auch durch Arnold Ruge zu einer Feuerbachschen Kritik am Staat geführt (Jones 2020, S. 160), die Marx jedoch durch Heß angeregt über Ruge hinaus … Continue reading und den kommunistischen Ideen von Moses Heß zu einer brisanten Mischung verband. In diesen beiden Aufsätzen liegen die Grundideen seines späteren Gedankengebäudes noch ganz offen zu Tage. So kritisierte er die Entfremdung vom Gattungswesen durch die „politische Emanzipation“, die durch die Erlangung der Menschenrechte und die Erkämpfung der individuellen Freiheiten verursacht wurde. Die „menschliche Emanzipation“ und damit die Entfremdung vom Gattungswesen könne erst durch die Abschaffung der individuellen Freiheiten erreicht werden: zuvörderst durch die Abschaffung des Rechtes auf Privateigentum. In seinem zweiten Aufsatz hat er dann ja auch den Akteur vorgestellt, der diese Befreiung bewirken werde: das eigentumslose Proletariat inspiriert von den Ideen der Philosophie. Diese Erkenntnisse wurden durch reine Spekulation gewonnen. Erst durch Friedrich Engels kam Marx auf die Idee, sie durch die ökonomische Analyse des Kapitalismus zu „beweisen“.

Die erstmalige öffentliche Kritik an Bruno Bauer

In seinem Aufsatz „Zur Judenfrage“ wandte sich Marx zum ersten Mal öffentlich gegen Bruno Bauer, den er ein Jahr zuvor in einer kleinen Notiz in der „Rheinischen Zeitung“ schon öffentlich brüskiert hatte, wodurch es zum Bruch mit seinem langjährige Freund und Mentor gekommen war. Aber dies war nur Insidern klar gewesen, weil sein Name nicht genannt wurde.[5]Am 29. November 1842 hatte Marx einen redigierten Brief von Georg Herwegh in der „Rheinischen Zeitung“ abgedruckt. Darin werden Herwegh und Ruge mit ihrer heftigen Kritik an den „Freien“ – … Continue reading Nun nahm Marx zwei kleinere Schriften von Bruno Bauer, in denen er sich mit der Emanzipation der Juden beschäftigt hatte,[6]Bauer, Bruno: Die Judenfrage. Braunschweig: Friedrich Otto 1843 (im weiteren zitiert als Bauer 1843a) und ders. Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden. In: Herwegh 1843, S. … Continue reading zum Anlass, diesen zwar sehr sachlich aber doch öffentlich zu kritisieren. Bruno Bauer hatte in seinen Veröffentlichungen die Forderung an die Juden erhoben, sich vom Judentum zu emanzipieren als Voraussetzung ihrer politischen Emanzipation. Für ihn war die Voraussetzung dafür, dass die Völker „wirkliche Völker“ und die Menschen „innerhalb des Volkslebens wahre Menschen“ werden könnten, dass sie „die Unmündigkeit“ durch den Glauben aufgeben müssten (dies galt natürlich auch für die Christen, insoweit sie ihre religiösen Gesetze über die staatlichen stellten). Dies bedeutete seiner Meinung nach besonders für die Juden, dass sie ihre Vorbehalte gegen den Staat und das Volk, in dem sie leben, aufgeben müssten, indem sie auf ihr religiöses Gesetz und ihre jüdische Nation verzichteten, da sie dieses andernfalls „immer von den Völkern trennen und der Geschichte entfremden wird.“[7]Bauer 1843a, S. 61. Diese Frage stellt sich heute vor allem im Konflikt westlicher Demokratien mit dem Islam. Aber auch im Kulturkampf der 1870er Jahre ging es darum, den Einfluss besonders der … Continue reading

Für Bauer war also die Folge der Erlangung der Freiheit, dass die Entfremdung der Völker und der Menschen aufgehoben würden. Und Voraussetzung für wirkliche Freiheit ist für ihn die Aufgabe des Glaubens an Gott.[8]Bauer 1843b, S. 70 f.

Marx beginnt seine Darstellung mit der Rezension des Heftes „Die Judenfrage“ und stellt fest: „Bauer hat die Frage der Judenemanzipation neu gestellt“. Und lobend fährt er fort, dass dies geschah „mit Kühnheit, Schärfe, Geist, Gründlichkeit in einer ebenso präzisen als kernigen und energievollen Schreibweise.“ Auf die rhetorische Frage „Wie also löst Bauer die Judenfrage?“antwortet Marx: „Dadurch, daß man die Religion aufhebt.“ Nach Marx verlangte Bauer also von den Juden nichts weniger, als dass sie ihre Religion aufgeben sollen, damit sie politisch emanzipiert werden können. Und nicht nur vom Juden verlangt er die Aufgabe seiner Religion: „Die Emanzipation von der Religion wird als Bedingung gestellt, sowohl an den Juden, der politisch emanzipiert sein will, als an den Staat, der emanzipieren und selbst emanzipiert sein soll.“

Marx zeigt nun ausführlich, dass niemand auf seine Religion verzichten muss, wenn der Staat sich von der Religion emanzipiert. Dass im Gegenteil in den USA und anderen freiheitlichen Staaten die Religionsfreiheit gerade ein Bestandteild der politischen Emanzipation darstellt. Und er kommt zu dem Schluss:

„Die politische Emanzipation von der Religion läßt die Religion bestehn, wenn auch keine privilegierte Religion. Der Widerspruch, in welchem sich der Anhänger einer besondern Religion mit seinem Staatsbürgertum befindet, ist nur ein Teil des allgemeinen weltlichen Widerspruchs zwischen dem politischen Staat und der bürgerlichen Gesellschaft. Die Vollendung des christlichen Staats ist der Staat, der sich als Staat bekennt und von der Religion seiner Glieder abstrahiert. Die Emanzipation des Staats von der Religion ist nicht die Emanzipation des wirklichen Menschen von der Religion.

Wir sagen also nicht mit Bauer den Juden: Ihr könnt nicht politisch emanzipiert werden, ohne euch radikal vom Judentum zu emanzipieren. Wir sagen ihnen vielmehr: Weil ihr politisch emanzipiert werden könnt, ohne euch vollständig und widerspruchslos vom Judentum loszusagen, darum ist die politische Emanzipation selbst nicht die menschliche Emanzipation.“[9]Marx: Judenfrage (MEW 1, S. 361).

Marx stimmt mit Bauer also darin zu, dass eine wirkliche menschliche Emanzipation nur möglich ist, wenn der Mensch sich von der Religion emanzipiert. Aber im Gegensatz dazu ist nach Marx eine politische Emanzipation eines religiösen Menschen in einem Staat, der sich von der Religion emanzipiert hat, durchaus möglich. Daraus zieht er den Schluss, dass „die politische Emanzipation“allein noch „nicht die menschliche Emanzipation“ bedeutet. Hierin besteht der Widerspruch zu Bauer, für den beides in eins fällt.

Moses Heß hatte schon zuvor behauptet, dass „die ‚Emancipation der Juden’ […] ein integrirendes Moment der Emancipation des Geistes“ sei. Und er ergänzte: „Wollt ihr den Barometerstand der Geistesfreiheit kennen lernen, so müßt ihr das Verhältniß des Staates zu seinen jüdischen Unterthanen untersuchen.“ Für Moses Heß war die Emanzipation der Juden nicht nur möglich, sondern Gratmesser der allgemeinen Emanzipation. Und er vertrat sogar die Meinung, dass ein Staat, der die jüdische Konfession ausschlösse, auch andere christliche Konfessionen ausschließen würde, und deshalb werde „ächt noch unächt christlich“ sei.[10]Heß 1841, S. 138 u. 140.; siehe zu seiner Einstellung zur Religionsfreiheit auch Heß 1843a; zit. in Cornu, Mönke 1961, S. 209.

Im Zuge seines Beweisverfahrens gab Marx einige interessante Einblicke in sein damaliges Weltbild. So will er den Unterschied zwischen politischer und menschlicher Emanzipation am Beispiel des Privateigentums verdeutlichen, indem er schreibt:

„Der Staat als Staat annulliert z. B. das Privateigentum, der Mensch erklärt auf politische Weise das Privateigentum für aufgehoben, sobald er den Zensus für aktive und passive Wählbarkeit aufhebt,[11]Marx meint hiermit das Zensuswahlrecht (Wiki), das bestimmte finanzielle Voraussetzungen für das Wahlrecht vorsieht, wie z.B. das preußische Dreiklassenwahlrecht. wie dies in vielen nordamerikanischen Staaten geschehen ist. […]
Ist das Privateigentum nicht ideell aufgehoben, wenn der Nichtbesitzende zum Gesetzgeber des Besitzenden geworden ist? Der Zensus ist die letzte politische Form, das Privateigentum anzuerkennen.“

Marx vertritt hier also die Meinung, dass ein allgemeines Wahlrecht auf politischer Ebene das Privateigentum aufhebt, weil nun auch Besitzlose, die natürlich die übergroße Mehrheit der Wähler stellen, über das Eigentum der Besitzenden bestimmen dürfen.

„Nichtsdestoweniger läßt der Staat das Privateigentum, die Bildung, die Beschäftigung auf ihre Weise, d. h. als Privateigentum, als Bildung, als Beschäftigung wirken und ihr besondres Wesen geltend machen. Weit entfernt, diese faktischen Unterschiede aufzuheben, existiert er vielmehr nur unter ihrer Voraussetzung, empfindet er sich als politischer Staat und macht er seine Allgemeinheit geltend nur im Gegensatz zu diesen seinen Elementen.“

Dennoch bleibt das Privateigentum im bürgerlichen Leben weiter bestehen und bildet die Grundlage des bürgerlichen Staates. Diesen Widerspruch zwischen politischem Staat – dem „Gattungsleben“ – und dem egoisten Leben der Individuen in der „bürgerlicher Gesellschaft“ stellt er im folgenden noch deutlicher heraus:

„Der vollendete politische Staat ist seinem Wesen nach das Gattungsleben des Menschen im Gegensatz zu seinem materiellen Leben. Alle Voraussetzungen dieses egoistischen Lebens bleiben außerhalb der Staatssphäre in der bürgerlichen Gesellschaft bestehen, aber als Eigenschaften der bürgerlichen Gesellschaft. Wo der politische Staat seine wahre Ausbildung erreicht hat, führt der Mensch nicht nur im Gedanken, im Bewußtsein, sondern in der Wirklichkeit, im Leben ein doppeltes, ein himmlisches und ein irdisches Leben, das Leben im politischen Gemeinwesen, worin er sich als Gemeinwesen gilt, und das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft, worin er als Privatmensch tätig ist, die andern Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel herabwürdigt und zum Spielball fremder Mächte wird. Der politische Staat verhält sich ebenso spiritualistisch zur bürgerlichen Gesellschaft wie der Himmel zur Erde. Er steht in demselben Gegensatz zu ihr, er überwindet sie in derselben Weise wie die Religion die Beschränktheit der profanen Welt, d. h., indem er sie ebenfalls wieder anerkennen, herstellen, sich selbst von ihr beherrschen lassen muß. Der Mensch in seiner nächsten Wirklichkeit, in der bürgerlichen Gesellschaft, ist ein profanes Wesen. Hier, wo er als wirkliches Individuum sich selbst und andern gilt, ist er eine unwahre Erscheinung. In dem Staat dagegen, wo der Mensch als Gattungswesen gilt, ist er das imaginäre Glied einer eingebildeten Souveränität, ist er seines wirklichen individuellen Lebens beraubt und mit einer unwirklichen Allgemeinheit erfüllt.“[12]Marx: Judenfrage (MEW 1, S. 354 f.).

Hier wird die idealistische Konstruktion von Marx deutlich. Er zieht ja selber die Parallele zwischen „Himmel“ und „politischem Staat“. Im wirklichen Leben ist der Mensch „eine unwahre Erscheinung“– also entfremdet – im Staat – der Ebene des „Gattungswesens“ – ist er das „imaginäre Glied einer eingebildeten Souveränität“. Auch hier sind es nicht die Individuen, die das Staatswesen bilden, sondern dieses wird als Ausdruck des menschlichem „Gattungswesen“ den „Privatmenschen“entgegengesetzt. Wie sich später bestätigen wird, kann man hieraus schon den Schluss ziehen, dass die individuellen Freiheiten aufgehoben werden müssen, um diesen Widerspruch zwischen Individuum und Gattungswesen aufheben zu können.

Hiermit stand er in Widerspruch zu Feuerbach, der ja die Religion als Ausdruck des menschlichen Gattungswesens gedeutet hatte, womit er die „materialistisch-humanistische“ Religionskritik begründet hatte. Er hatte die Religion quasi als Wesen des Menschseins erkannt. Bei Marx erhielt dies „Gattungswesen“ nun quasi eine separate Existenz, womit er das idealistische Konzept des Hegelschen Logos quasi durch die Hintertür wieder eingeführt hatte.

Hiermit stand er auch im Widerspruch zu Moses Heß, der in seinem Aufsatz „Über das Geldwesen“ „jede wirkliche, praktische wie theoretische, Lebensthätigkeit“ als einen „Gattungsact, ein Zusammenwirken verschiedener Individualitäten bezeichnet und in diesem Zusammenwirken„das wirkliche Wesen eines jeden Individuums“ gesehen hatte.[13]Zitiert nach Cornu, Mönke 1961, S. 331. Für Moses Heß bestand das Gattungswesen des Menschen im Zusammenwirken verschiedener Individuen. Für Marx stand dagegen des Wirken der Individuen im Gegensatz zum kollektiven Gattungswesen.

Immerhin stellt Marx fest, dass die bürgerliche Revolution und die dadurch bedingte politische Emanzipation […] ein großer Fortschritt“ sei; „sie ist zwar nicht die letzte Form der menschlichen Emanzipation überhaupt, aber sie ist die letzte Form der menschlichen Emanzipation innerhalb der bisherigen Weltordnung. Es versteht sich: Wir sprechen hier von wirklicher, von praktischer Emanzipation.“

Aber in den konkreten Auswirkungen sieht er die bürgerlichen Freiheiten sehr kritisch, denn der „Mensch emanzipiert sich politisch von der Religion, indem er sie aus dem öffentlichen Recht in das Privatrecht verbannt. Sie ist nicht mehr der Geist des Staats, wo der Mensch – wenn auch in beschränkter Weise, unter besonderer Form und in einer besondern Sphäre – sich als Gattungswesen verhält, in Gemeinschaft mit andern Menschen, sie ist zum Geist der bürgerlichen Gesellschaft geworden, der Sphäre des Egoismus, des bellum omnium contra omnes [Krieg aller gegen alle, RS]. Sie ist nicht mehr das Wesen der Gemeinschaft, sondern das Wesen des Unterschieds. Sie ist zum Ausdruck der Trennung des Menschen von seinem Gemeinwesen, von sich und den andern Menschen geworden – was sie ursprünglich war. Sie ist nur noch das abstrakte Bekenntnis der besondern Verkehrtheit, der Privatschrulle, der Willkür.“[14]Ebd., S. 356.

Man spürt hier deutlich die Trauer über den Verlust der „Gemeinschaft“ und der „Trennung des Menschen von seinem [mittelalterlichen] Gemeinwesen“. Und was hat der Mensch gewonnen? Allerhand individuelle Freiheiten (Menschenrechte) in einer bürgerlichen Gesellschaft von egoistischen Individualisten, in der jeder gegen jeden Krieg führt.

„Christlich ist die politische Demokratie, indem in ihr der Mensch, nicht nur ein Mensch, sondern jeder Mensch, als souveränes, als höchstes Wesen gilt, aber der Mensch in seiner unkultivierten, unsozialen Erscheinung, der Mensch in seiner zufälligen Existenz, der Mensch, wie er geht und steht, der Mensch, wie er durch die ganze Organisation unserer Gesellschaft verdorben, sich selbst verloren, veräußert, unter die Herrschaft unmenschlicher Verhältnisse und Elemente gegeben ist, mit einem Wort, der Mensch, der noch kein wirkliches Gattungswesen ist. Das Phantasiegebild, der Traum, das Postulat des Christentums, die Souveränität des Menschen, aber als eines fremden, von dem wirklichen Menschen unterschiedenen Wesens, ist in der Demokratie sinnliche Wirklichkeit, Gegenwart, weltliche Maxime.“[15]Ebd., S. 360 f.

Hier stellt Marx die Realität von den Füßen auf den Kopf. In der Tat, für die politische Demokratie gilt „jeder Mensch als souveränes, als höchstes Wesen“. Weil nun aber der wirkliche Mensch „verdorben“ ist und „sich selbst verloren“ hat, ist er „noch kein wirkliches Gattungswesen“. Also, nimmt Marx das „Phantasiegebild“, den „Traum […] des Christentums [… von der] Souveränität des Menschen“ als „sinnliche Wirklichkeit“ der „Demokratie“ und stellt dieser „Wirklichkeit“ den „fremden“ „wirklichen Menschen“ gegenüber. Dies stellt für Marx das Ergebnis der politischen Emanzipation dar. Die menschliche Emanzipation würde nun darin bestehen, dass der reale, wirkliche Mensch diesem Traumbild vom Gattungswesen angeglichen wird. Statt zu verlangen, dass dieses Traumbild dem realen Menschen nachgebildet werden müsste, auf dessen Handlungen nunmal die Demokratie beruht.

Marx‘ Kritik an den Menschenrechten als Ausdruck der Entfremdung des Individuum vom „Gattungswesen“

Nach Marx kann der „Jude“ also durchaus „politisch emanzipiert werden, Staatsbürgerrechte empfangen“ Kann er aber auch „die sogenannten Menschenrechte in Anspruch nehmen und empfangen?“, fragt Marx und behauptet im selben Atemzug: „Bauer leugnet es.“ „Der Mensch muß nach Bauer das ‚Privilegium des Glaubens’ aufopfern, um die allgemeinen Menschenrechte empfangen zu können.“

Dem widerspricht Marx ganz entschieden. Er betrachtet nun die „sogenannten Menschenrechte […] unter der Gestalt, welche sie bei ihren Entdeckern, den Nordamerikanern und Franzosen, besitzen!“Einerseits handele es sich dabei um politische Rechte, die sogenannten „Staatsbürgerrechte“, anderseits um die reinen „Menschenrechte“. Und unter diesen „findet sich die Gewissensfreiheit, das Recht, einen beliebigen Kultus auszuüben. Das Privilegium des Glaubens wird ausdrücklich anerkannt, entweder als ein Menschenrecht oder als Konsequenz eines Menschenrechtes, der Freiheit.“[16]Ebd., S. 361 f.

Was aber sind die Menschenrechte und was sind Menschen, fragt Marx weiter?[17]Dass Menschenrechte vor allem den Eigentümer nutzen würden, hatte zuvor schon Moses Heß behauptet (Siehe Rosen 1983, S. 151 ff.).

„Vor allem konstatieren wir die Tatsache, daß die sogenannten Menschenrechte […] nichts anderes sind als die Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. des egoistischen Menschen, des vom Menschen und vom Gemeinwesen getrennten Menschen.“

Marx zitiert die französische Verfassung von 1793 und zieht daraus den Schluss: „Die Freiheit ist also das Recht, alles zu tun und zu treiben, was keinem andern schadet.

[…D]as Menschenrecht der Freiheit basiert nicht auf der Verbindung des Menschen mit dem Menschen, sondern vielmehr auf der Absonderung des Menschen von dem Menschen. Es ist das Recht dieser Absonderung, das Recht des beschränkten, auf sich beschränkten Individuums.“

Und das ist keineswegs positiv gemeint, denn eine „praktische Nutzanwendung des Menschenrechtes der Freiheit ist das Menschenrecht des Privateigentums.“

„Das Menschenrecht des Privateigentums ist also das Recht, willkürlich […], ohne Beziehung auf andre Menschen, unabhängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes. […] Sie läßt jeden Menschen im andern Menschen nicht die Verwirklichung, sondern vielmehr die Schranke seiner Freiheit finden.“

Damit werden die Menschrechte als Absonderungsrechte vom Gattungswesen interpretiert, die letztlich abgeschafft gehören, da die höchste Emanzipation des Menschen ja nur in seinem Dasein als Gattungswesen liegt und nicht im Individuum. Und Marx wird noch erheblich deutlicher in seiner fundamentalen Kritik an den Menschenrechten:

„Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als Gattungswesen aufgefaßt wurde, erscheint vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zusammenhält, ist die Naturnotwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer egoistischen Person.“[18]Marx: Judenfrage (MEW 1, S. 364 ff.).

Und so zieht Marx den Schluss:

„Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen, Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine ‚forces propres’ [eigenen Kräfte RS] als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht.“[19]Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 370 (Hervorh. im Original RS).

Marx hatte weiter oben konstatiert, dass die bürgerliche Revolution mit ihrer politische[n] Emanzipation selbst nicht die menschliche Emanzipation“[20]Marx: Judenfrage (MEW 1, S. 361). sei, da sie eine Kluft zwischen dem Gemeinwesen und der bürgerlichen Gesellschaft – ergo zwischen dem Gattungswesen des Menschen und dem Individuum aufreißen würde. Und dass diese Kluft zementiert werde durch die Menschenrechte, die den Menschen nur als egoistische Individuen betrachten, der in der Gesellschaft und den anderen Menschen nur eine Schranke seiner Freiheit sähe. Für Gereth Stadman Jones zeigte sich daran, dass Marx „die Idee der Repräsentation ablehnte und davon ausging, [… dass] die Trennung von bürgerlicher Gesellschaft und politischem Staat zu überwinden“sei, wie „weit […] Karls Konzeptionen von den Realitäten radikaler Politik im Großbritannein und Frankreich des 19. Jahrhunderts entfernt waren“[21]Jones 2020, S. 168.

So werde nach Marx „die menschliche Emanzipation vollbracht“, wenn der Mensch im „Gattungswesen“ aufgegangen sei und dadurch seine „gesellschaftliche Kraft“ nicht mehr von ihm getrennt sei. Eine totalitär-kollektivistische Vorstellung, die Bruno Bauer ganz zu Recht an einen Ameisenstaat denken ließ.[22]Er sprach in seinem Artikel „Die Gattung und die Masse“ von 1844 von „Blattinsekten“ (Bauer 1844). Als heutiger Leser fühlt man sich an die Borgs des Star-Trek-Universums erinnert, die ein einziges Gattungswesen bilden, deren Gehirne alle miteinander vernetzt sind und die zentral gesteuert werden. Das dürfte den damaligen Visionen von Marx sehr nahe kommen.

Ich habe die Äußerungen von Marx so interpretiert, dass er einem Aufgehen des individuellen Menschen im Gattungswesen das Wort geredet hat. In den „Manuskripten von 1844“ zeigt sich dies noch deutlicher. Wir werden dies in einem gesonderten Beitrag untersuchen. Die übliche Interpretation ist allerdings eine andere, wie sie beispielhaft Isabel Monal im HKWM formuliert hat:

„Das Problem der Wiedererlangung und Verwirklichung menschlicher Emanzipation führt direkt auf die Thematik des »Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen« (MEW 40, 536); es handelt sich also um nichts weniger als die vollständige Rückkehr des Menschen zu sich selbst als gesellschaftlichem, d.h. menschlichem Wesen. Mit dem Abschluss des Wiederaneignungsprozesses gelangt man also zu einer Lösung jener Konflikte, die den Menschen zerreißen: der Konflikte zwischen Mensch und Natur, Mensch und Mensch, Individuum und Gattung.“[23]HKWM, Bd. 4, Sp. 1254, „Gattungswesen“.

So schön es sich anhört, dass durch die „Aufhebung des Privateigentums“ die „den Menschen zerreißen“den „Konflikte zwischen Mensch und Natur, Mensch und Mensch, Individuum und Gattung“ beseitigt sein werden, so gefährlich totalitär ist auch diese Utopie. Denn wenn diese Konflikte trotz der Aufhebung des Privateigentums nicht verschwinden wollen, wie es bisher noch bei jedem Versuch ihrer Beseitigung der Fall war, dann ist die Beseitigung der vermeindlichen Urheber – der bürgerlichen Kräfte, der Kulaken, der Kapitalisten, der Intellektuellen etc. – eine fast zwingende Konsequenz.

Es gilt auch zu bedenken, dass es in der Menschheitsgeschichte noch niemals eine Gesellschaft gab, die zumindest bestimmten Klassen Freiheit, Demokratie und Rechtssicherheit gab, ohne das verbriefte Recht auf Privateigentum. Es spricht auch sehr viel dafür, dass der menschliche Egoismus völlig unzerstörbar und auch eine überlebensnotwendige Eigenschaft des Menschen ist. Und dass das Privateigentum mit sinnvollen Bestimmungen eingeschränkt die endlich gefundene Möglichkeit ist, den Egoismus des Einzelnen für eine möglichst große Zahl von Menschen nutzbar zu machen. Denn der menschliche Egoismus schließt Zusammenarbeit der Menschen, Rücksichtnahme auf die Natur und den Mitmenschen in keiner Weise aus. Recht verstandener Egoismus im Engelschen Sinne[24]Engels hatte ja in einem Brief an Marx, in dem er den Stirnerschen Egoismus kritisierte, geschrieben: „Erstens ist es Kleinigkeit, dem St[irner] zu beweisen, daß seine egoistischen Menschen … Continue reading verlangt diese Verhaltensweisen geradezu, um die im Egoismus sicherlich auch vorhandenen zerstörerischen Elemente zu zähmen.

Der Urheber der Entfremdung: der „jüdische Geist“

Als nächstes kam Marx auf den Verursacher der Entfremdung vom Gattungwesen zu sprechen: den „jüdischen Geist!“. Nun malte er das Bild einer Gesellschaft, in der die Ferengi[25]Die Ferengi sind ein Händlervolk, das in extrem-überzeichneter Form auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist. Kritiker haben eingewandt, dass hier antisemitische Klischees bedient würden.. ein weiteres Volk aus dem Star-Trek Universum, die Herrschaft übernommen hatten.

Es geht dabei um den Aufsatz von Bruno Bauer „Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden“, in dem dieser sich fragte, wer leichter frei werden könne, Christen oder Juden. Marx vertrat dazu die Meinung, dass „die Emanzipationsfähigkeit des heutigen Juden […] das Verhältnis des Judentums zur Emanzipation der heutigen Welt [ist]. Dies Verhältnis ergibt sich notwendig aus der besondern Stellung des Judentums in der heutigen geknechteten Welt.“

Diese Stellung beschrieb Marx nun nicht, wie sie der damaligen realen Situation der Juden entsprochen hätte, als die einer ganz besonders geknechteten Gruppe in dieser „geknechteten Welt“. Nein, ganz im Gegenteil! Denn, so fragt der Rabbinersprössling, welches „ist der weltliche Kultus des Juden?“, um postwendend zu antworten: „Der Schacher. Und er fuhr sogleich fort mit dem Frage-und-Antwort-Spiel: „Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“

Und er setzt seinen Text fort mit der Behauptung: „Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die Selbstemanzipation unsrer Zeit. Eine Organisation der Gesellschaft, welche die Voraussetzungen des Schachers, also die Möglichkeit des Schachers aufhöbe, hätte den Juden unmöglich gemacht. Sein religiöses Bewußtsein würde wie ein fader Dunst in der wirklichen Lebensluft der Gesellschaft sich auflösen.“[26]Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 372 (Hervorh. im Original RS).

Der jüdische Glaube würde verschwinden, wenn die Macht des Geldes verschwinden würde. Denn der Glaube an eben diese Macht mache den jüdischen Glauben aus.

„Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind.“
„Der Widerspruch, in welchem die praktische politische Macht des Juden zu seinen politischen Rechten steht, ist der Widerspruch der Politik und Geldmacht überhaupt. Während die erste ideal über der zweiten steht, ist sie in der Tat zu ihrem Leibeignen geworden.“[27]Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 373 f. (Hervorh. im Original RS).

Die politischen Rechte der Juden mögen eingeschränkt sein, sie haben längst durch ihre „Geldmacht“ eine große politische Macht gewonnen, so dass die Politik zu ihrer „Leibeigenen“geworden ist. Das sind nun in der Tat klischeebeladene Ansichten, wie sie auch von Antisemiten geäußert worden sind und die damals und auch später in keiner Weise den Tatsachen entsprachen. Dies in den Schriften eines Menschen zu lesen, der zahlreiche Rabbiner unter seinen Vorfahren hatte und der das elende Leben der Juden zu seiner Zeit aus eigener Anschauung kennen musste, ist erschreckend.[28]Der soziale Aufstieg der Juden fand ja erst in den folgenden Jahrzehnten statt. Der Aufstieg bestand in erster Linie darin, dass jüdische Bürger bürgerliche Berufe ergriffen und erfolgreich … Continue reading

Als Marx diesen Text 1843 schrieb, arbeitete er eng mit Moses Heß zusammen, der ihn kurz zuvor vom Kommunismus überzeugt hatte. Auch Moses Heß war ein Rabbinersprößling und auch er hatte ganz ähnliche Vorstellungen in dem Aufsatz „Über das Geldwesen“, den er ursprünglich ebenfalls für die „Jahrbücher“ verfasst hatte, niedergeschrieben.[29]Abgedruckt in Cornu, Mönke 1961, S. 329-348. Der Aufsatz wurde nicht mit aufgenommen. Die Veröffentlichung fand dann 1845 statt, aber Marx lag das Manuskript vor, bevor die „Jahrbücher“ … Continue reading So schildert er darin die zersetzende Wirkung des Geldes, das für ihn „das Product der gegenseitig entfremdeten Menschen, der entäußerte Mensch“[30]Cornu, Mönke, S. 335. ist. Und auch Heß vertrag die Ansicht, dass das „Wesen der modernen Schacherwelt, das Geld, […] das realisirte Wesen des Christenthums [ist].“[31]Ebd., S. 337.

Und ein paar Seiten weiter schreibt er: „Wir befinden uns jetzt auf der Spitze, dem Culminat[ions]punkte der socialen Thierwelt; wir sind daher jetzt sociale Raubthiere, vollendete, bewußte Egoisten, die in der freien Concurrenz den Krieg Aller gegen Alle, in den sogenannten Menschenrechten die Rechte der isolirten Individuen, der Privatpersonen, der ‚absoluten Persönlichkeit’, in der Gewerbefreiheit die gegenseitige Ausbeutung, den Gelddurst, sanctioniren, der Gelddurst, der nichts anderes, als der Blutdurst des socialen Raubthieres ist.“

Bis in die einzelnen Formulierungen stimmen diese Äußerungen mit den Vorstellungen von Marx überein. Und die Übereinstimmung geht noch weiter, wenn Heß schreibt, dass es der welthistorischer Beruf“ der Juden“ war, dieses Raubthier aus der Menschheit zu entwickeln“.[32]Heß 1845; zitiert nach Cornu, Mönke 1961, S. 345 (Hervorh. immer im Original, RS). Die Darstellung von Juden als Blutsaugern lassen den Leser heute unwillkürlich an die entsprechende … Continue reading

Ganz ähnlich liest es sich bei Marx:
„Das Judentum hat sich nicht trotz der Geschichte, sondern durch die Geschichte erhalten.
Aus ihren eignen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden.
Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus.
Der Monotheismus des Juden ist daher in der Wirklichkeit der Polytheismus der vielen Bedürfnisse, ein Polytheismus, der auch den Abtritt zu einem Gegenstand des göttlichen Gesetzes macht. Das praktische Bedürfnis, der Egoismus ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft und tritt rein als solches hervor, sobald die bürgerliche Gesellschaft den politischen Staat vollständig aus sich herausgeboren. Der Gott des praktischen Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld.
Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen – und verwandelt sie in eine Ware. Das Geld ist der allgemeine, für sich selbst konstituierte Wertaller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an.
Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden. Sein Gott ist nur der illusorische Wechsel.“[33]Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 374 f. (Hervorh. im Original RS).

Auch auf den Widerspruch, dass das Judentum in den christlichen Gesellschaften Europas keine große politische und gesellschaftliche Rolle spielte, aber nach Heß und Marx auf der anderen Seite durch das Geld Herrschaft ausübte, hält Marx eine dialektische Antwort parat, die der Analyse von Heß gleicht:
„Das Judentum erreicht seinen Höhepunkt mit der Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft; aber die bürgerliche Gesellschaft vollendet sich erst in der christlichen Welt. Nur unter der Herrschaft des Christentums, welches alle nationalen, natürlichen, sittlichen, theoretischen Verhältnisse dem Menschen äußerlich macht, konnte die bürgerliche Gesellschaft sich vollständig vom Staatsleben trennen, alle Gattungsbande des Menschen zerreißen, den Egoismus, das eigennützige Bedürfnis an die Stelle dieser Gattungsbande setzen, die Menschenwelt in eine Welt atomistischer, feindlich sich gegenüberstehender Individuen auflösen.
Das Christentum ist aus dem Judentum entsprungen. Es hat sich wieder in das Judentum aufgelöst. […]
Das Christentum ist der sublime Gedanke des Judentums, das Judentum ist die gemeine Nutzanwendung des Christentums, aber diese Nutzanwendung konnte erst zu einer allgemeinen werden, nachdem das Christentum als die fertige Religion die Selbstentfremdung des Menschen von sich und der Natur theoretisch vollendet hatte.
Nun erst konnte das Judentum zur allgemeinen Herrschaft gelangen und den entäußerten Menschen, die entäußerte Natur zu veräußerlichen, verkäuflichen, der Knechtschaft des egoistischen Bedürfnisses, dem Schacher anheimgefallenen Gegenständen machen.“[34]Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 376 f. (Hervorh. im Original RS).

Das Christentum ist also nach Marx Voraussetzung für die bürgerliche Revolution und die darauf basierende Entfremdung des Menschen vom Gattungswesen. Aber mehr noch: Christentum und Judentum sind nur zwei Seiten einer Medaille. Das Christentum ist sozusagen der vornehme Deckmantel, unter dem „die gemeine Nutzanwendung des Christentums“, das Judentum, sein ökonomisches Zerstörungswerk vollenden konnte. So konnte „das Judentum zur allgemeinen Herrschaft gelangen und den entäußerten Menschen, die entäußerte Natur zu veräußerlichen, verkäuflichen, der Knechtschaft des egoistischen Bedürfnisses, dem Schacher anheimgefallenen Gegenständen machen.“

Mit dieser Verbindung der Feuerbachschen Religionskritik mit der Hegelschen Dialektik und der Junghegelianischen Spekulation sowie einem gehörigen Schuss Kommunismus à la Moses Heß arbeitete Marx Punkt für Punkt die Analogie zwischen Judentum und bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaft heraus. Für beide ist der Eigennutz höchstes Gut und ihr Gott „ist das Geld“. So ist es nur logisch, wenn Marx feststellt: „Aus ihren eignen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden.“

Besonders in Marx’ Geldtheorie, die der von Moses Heß, die dieser in seinem Artikel „Über das Geldwesen“ vertreten hatte, entspricht, lässt sich die Analogie zur Feuerbachschen Religionskritik besonders deutlich erkennen: „Wie der Mensch, solange er religiös befangen ist, sein Wesen nur zu vergegenständlichen weiß, indem er es zu einem fremden phantastischen Wesen macht, so kann er sich unter der Herrschaft des egoistischen Bedürfnisses nur praktisch betätigen, […] indem er seine Produkte […] unter die Herrschaft eines fremden Wesens stellt und ihnen die Bedeutung eines fremden Wesens – des Geldes – verleiht.“[35]Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 376 f. (Hervorh. im Original RS). So „beherrscht“ der Geldgott – das „dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins“ – nun den Menschen, der es anbetet.[36]Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 374 f. (Hervorh. im Original RS).

Wenn also auf der politischen Ebene die Trennung der politischen von der privaten Sphäre durch die bürgerliche Revolution den Menschen von seinem Gattungswesen entfremdet hat, so hat auf der ökonomischen Ebene das Geld dieselbe Wirkung gehabt. Tritt die von den Menschen als Souverän bestimmte politische Sphäre den Menschen nun als fremde Macht gegenüber, so ist es mit dem Geld ähnlich. Auch dies ein Geschöpf des Menschen, wie Gott oder das Gemeinwesen, das sich verselbständig hat und damit dem Menschen als fremde Macht gegenübertritt. Und hinter der Macht des Geldes lauert der Jude – oder wie es später heißen wird: der Kapitalist, der alle widerwärtigen Charakterzüge, die Marx dem Juden, der damit seine Schuldigkeit getan hat, angedichtet hatte, annehmen wird.

Aber Marx zeigte auch die Lösung auf, wie die menschliche Emanzipation schlussendlich gelingen kann. Es stellt sich heraus, dass in vollkommen dialektischer Manier die Emanzipation des Juden und die Emanzipation der Gesellschaft vom Juden in eins fällt:
„Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden, weil sein Bewußtsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die subjektive Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist.
Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“[37]Ebd., S. 376 f. (Hervorh. im Original, RS).

Die Herrschaft des Geldes in der bürgerlichen Gesellschaft fußt nach Marx auf der Herrschaft des jüdischen Geistes, der damit die letzten Bande an das Gattungswesen zerstört, die er selber nie besessen hat. Zugleich werden die Juden selbst aber politisch unterdrückt. Die politische Emanzipation der Juden ist zwar möglich, aber erst die menschliche Emanzipation und damit die Aufhebung von der Entfremdung vom Gattungswesen bringt die wirkliche Emanzipation, indem sich die Gesellschaft vom jüdischen Geist befreit und damit die Juden auch selbst befreit. Interessanterweise fordern dies – die Befreiung vom jüdischen Geist – überproportional viele Juden.

Sind die Vorstellungen von Marx antisemitisch?

Obwohl die Äußerungen von Marx auf den ersten Blick eindeutig antisemitisch erscheinen, ist dies bei genauerer Betrachtung nach Meinung der meisten Historiker nicht der Fall.

Der des Marxismus gänzlich unverdächtige Ernst Nolte hat dazu richtig festgestellt, dass „das Urteil über Marx‘ ‚Antisemitismus’ letzten Endes ganz und gar von der Interpretation seines Aufsatzes ‚Zur Judenfrage’ ab[hängt].“ Seine Antwort fiel sehr dialektisch aus: „Sie ist insofern leicht, als aus der gleichzeitigen Korrespondenz unzweideutig hervorgeht, daß Marx eine Verteidigung des Rechts der Juden auf – vorläufige – Beibehaltung ihrer Eigenständigkeit geben wollte. Mit einer sehr zugespitzten Wendung ließe sich sagen, daß Marx aus praktischem Philosemitismus zum theoretischen und universalen Antisemitismus gelangt sei“.[38]Nolte 1983b, S. 412 f. Als Begründung verweist Nolte auf Briefe von Marx in MEW 27, S. 409 und 418. Während der Brief von Marx an Dagobert Oppenheim vom 25. August 1842 diesbezüglich nicht sehr … Continue reading

Auch Detlev Claussen spricht Marx von jeglichem Antisemitismus frei, wenn er klipp und klar feststellt: „Politisch interveniert Marx unzweideutig mit dieser Schrift [„Zur Judenfrage“, RS] für die unterdrückten Juden gegen den christlichen Staat.“ Erstaunt fügt er dann aber hinzu: „Dennoch wurde sie, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als Urschrift eines sozialistischen bzw. kommunistischen Antisemitismus rezipiert“.

Gilbert Achcar, für den die Streitschrift einen „Meilenstein auf Marx’ Weg zum historischen Materialismus und Kommunismus“ markiert, gesteht ein, dass die „Äußerungen […] besonders für moderne Ohren unerträglich antijüdisch klingen“. Er stellt aber anschließend sofort kategorisch fest, dass sie „es ihrem Gehalt nach aber nicht sind“. Immerhin gesteht er ein, dass der „Verdacht des Antisemitismus [… auch] dadurch nahegelegt [wird], dass sich in der von Marx und Engels redigierten Neuen Rheinischen Zeitung, […] ‚geschmacklose antijüdische Korrespondenzen’ […Roman Rosdolsky, RS] finden […] und dass Marx ‚in vertraulicher Korrespondenz Juden und Genossen jüdischer Herkunft in heute unerträglicher Form mit Schimpf- und Hohnwörtern belegt’ [… Wolfgang Fritz Haug[39]Das Zitat wird im HKWM falsch belegt. Das angegebene Werk (HAUG 1983/1993) findet sich nicht im Literaturverzeichnis. Sinngemäß findet sich diese Aussage aber in Haug 1987b, S. 147, Anm. 4., RS], was zu Marx’ Zeiten, in denen der ‚moderne Antisemitismus in seiner faschistischen Gefährlichkeit […] noch nicht vorhergesehen wurde’, ‚auch unter Juden und Liberalen’ weit verbreitet war“ [ders., RS].[40]HKWM, Band 7/II, Sp. 1895 f.: „Kosmopolitismus, moderner“.

Mit einer gekonnt dialektischen Volte fährt er dann fort:
„Subversiv die antisemitischen Projektionen zurückspielend, faßt Marx 1844 das Judentum als ‚praktischen Geist‘ der christlichen Völker (vgl. MEW 1, 376) – eine Behauptung, die Elemente von Max Webers Einschätzung der Rolle der protestantischen Ethik bei der Entstehung des Kapitalismus vorwegnimmt.“[41]HKWM, Band 1, Sp. 357 f.: „Antisemitismus“.

Obwohl ein durchaus geistreiches Argument, entbehrt es aber auch nicht eines gewissen Zynismus, wenn Achcar in Marxens pejorativem und wenig zutreffendem Analogon von „jüdischem Geist“ und dem „Eigennutz“ und Schacherwesen der bürgerlichen Welt eine Antizipation von Max Webers Erkenntnis der Rolle der „protestantischen Ethik“ bei der Herausbildung des „Geistes des Kapitalismus“, der nach Weber in der „Rationalität“ besteht, sieht.

Matthias Vetter stellt im „Handbuch des Antisemitismus“ klar: „Die für diese Beweisführung vorgenommene (und empirisch nicht untermauerte) Reduktion des Judentums auf Schacher und Eigennutz gehört zur Rhetorik des Antisemitismus, solange die Bezeichnung von habgierigen oder geschäftstüchtigen Verhalten als ‚typisch jüdisch’ für antisemitisch gilt. In den 1840er Jahren war für Marx das verabscheuungswürdigste Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft des ‚jüdische’ Geldsystem. Marx’ Angriff erstreckte sich gegen alles, ‚was in der jüdischen Religion abstrakt liegt, die Verachtung der Theorie, der Kunst, der Geschichte, des Menschen als Selbstzweck’. Diese Verdammung eines kultur- und menschenfeindlichen Judentums basierte auf tiefsitzenden Ressentiments. Doch der ‚Judengeist’ war für Marx nicht Urheber des Geldsystems, sondern sein Ausdruck. Während ein ideologisch festgelegter Antisemit die Juden aus der Gesellschaft ausgrenzt und ihren vermeintlichen Eigennutz als besonders verderblich denunziert, tat Marx mit seiner völligen Gleichsetzung des ‚jüdischen’ und ‚bürgerlichen’ Geldmenschen dieses nicht. Antisemitismus fordert Aktionen gegen die Juden, doch Marx plädierte nicht für ihre Diskriminierung, sondern – ohne das Postulat der Assimilation als Vorleistung – für ihre bürgerliche Emanzipation und unterstützte eine entsprechende Petition (mit der privaten Bemerkung, dass ihm der israelitsche Glaube widerlich sei).
Marx wollte die Abschaffung des Judentums nicht als isolierten Angriff gegen die Minderheit, sondern ausschließlich im Zuge der Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft. […] Doch als nicht das Geldsystem, sondern die Aneignung des Mehrwerts im Zentrum seiner Kritik stand, verband er diese nicht mehr mit Aussagen gegen oder über Juden. Kapitalismus und Judentum hat er nie direkt gleichgesetzt. […] Marx’ Intentionen sind nicht antisemitisch, wohl aber Sprache und Vergleichskonstruktionen sowie seine persönlichen Abneigungen. Angesichts der Ambivalenz seiner judenfeindlichen Aussagen einerseits und ihrer spärlichen Rezeption durch seine Anhänger andererseits kann er kaum als Stammvater oder Ideengeber eines linken oder sowjetischen Antisemitismus gelten. Doch die Unterschätzung der Judenfeindschaft und die Auffassung, dass die einzige Zukunft des Judentums in seinem Verschwinden liege, lassen sich als Traditionen der Linken auf Marx zurückführen.“[42]Matthias Vetter im Antisemitismus-Handbuch, Band 2/2, S. 525 f. („Marx“). Wenn dem im Großen und Ganzen auch zugestimmt werden kann, muss aber dennoch darauf hingewiesen werden, dass der Ökonom Werner Sombart Marx als Gewährsmann für seine antisemitischen Theorien benutzte.[43]Siehe Schoeps, Schlör: Antisemitismus, S. 107.

Mario Keßler ergänzt ebenfalls im „Handbuch des Antisemitismus“: „Die nachweisbare Tatsache, dass ein Großteil der Juden sogar in Deutschland während des 19. Jahrhunderts keineswegs in der Zirkulationssphäre und bei der Kapitalakkumulation führend tätig war, spielte bei Marx keine Rolle. Daher ist sein damals verwendeter Begriffsapparat als Erklärungsmodell der bürgerlichen Gesellschaft bestenfalls bedingt nutzbar. ‚Jude’ und ‚Judentum’ dienten zwar als soziale Symbole der auf Privateigentum und Konkurrenz beruhenden Gesellschaft, aber gerade diese Symbole waren kaum geeignet, den Blick für die kapitalistische Realität zu schärfen. Marx sah damals im Geld und im Handel nicht nur das Wesen des Judentums, sondern vor allem den Kern der bürgerlichen Gesellschaft; was nicht nur als eine falsche Analyse der ‚Judenfrage’, sondern auch als eine ‚prämarxistische Auffassung des Kapitalismus’ (Enzo Traverso) gesehen werden muss.“[44]Antisemitismus-Handbuch, Band 6, S. 781 f.: „Zur Judenfrage“.

Im Anschluss weist er darauf hin, dass bei „der Diskussion dieser Frage […] oft übersehen [wird], dass Marx anderthalb Jahrzehnte nach seiner Schrift ‚Zur Judenfrage’ implizit den Gedanken verwarf, dass der Kult des Geldes eine spezifisch jüdische Besonderheit sei. In einer Max Weber vorweggenommenen Passage der ‚Grundrisse’ heißt es:
‚Der Geldkultus hat seinen Asketismus, seine Entsagung, seine Selbstaufopferung — die Sparsamkeit und Frugalität, das Verachten der weltlichen, zeitlichen und vergänglichen Genüsse; das Nachjagen nach dem ewigen Schatz. Daher der Zusammenhang des englischen Puritanismus oder auch des holländischen Protestantismus mit dem Geldmachen.’“[45]Marx: Grundrisse, in: MEW 42, S. 158 (Hervorh. im Original, RS).

Zusammenfassend kann man sagen: Die zur Entlastung vom Vorwurf des Antisemitismus gegenüber Marx ins Spiel gebrachte Briefstelle spricht für keinerlei Philosemitismus, sondern belegt den abgrundtiefen Haß, den Marx gegen die jüdische Religion hegte und der auch aus seinen antijüdischen Ressentiments ersichtlich wird. Hierfür spricht ja auch der Brief an Ruge, in dem er sich über die „Pfaffen“ in seiner Familie beklagte, womit er ja nur Rabbiner gemeint haben kann.

Die antisemitischen Vorurteile von Marx entsprachen in keiner Weise der damaligen Lage der Juden in Deutschland, von denen nur eine ganz geringe Zahl nicht in Armut und Elend lebte. Viel eher hatte sein Hass auf die jüdische Religon persönliche Gründe, so z.B. in dem Hass auf seine Mutter, die ihm seiner Meinung nach sein Erbe vorenthielt. Zudem wurde Marx sein Lebtag von Geldnot beherrscht, was seine Ursache – zumindest in späteren Jahren – nicht an einem Mangel an Geld hatte, sondern an seiner Verschwendungssucht. Insofern dürfte seinem Haß gegen den „jüdischen Geist“ und das Geld ein gerüttelt Maß an unbewusstem Selbsthaß zu Grunde liegen, da er sich so sehr von diesen materiellen Dingen beherrschen ließ, so dass er seine Rettung nur in der Abschaffung des Geldes erkennen konnte.

Richtig ist, dass er gegenüber Bauer für die politische Emanzipation der Juden eintrat, denen er auch durchaus Menschenrechte zubilligte, ohne dass sie ihre Religion aufgeben müssten. Allerdings war mit der politischen Emanzipation die menschliche Emanzipation noch nicht erreicht. Die Trennung und Entfremdung vom Gattungswesen wird dadurch sogar noch vergrößert.

Es ist auch richtig, dass Marx die Juden nicht hasste, weil sie Juden waren, sondern er hasste Wucherer und Schacherer, für die er allerdings fälschlicherweise die Juden hielt. Er hasste den „jüdischen Geist“, der die gesamte christliche Welt durchdrungen hatte und der durch das Geld die Welt beherrschte.

Wenn Marx also vom Vorwurf des Antisemitismus freigesprochen werden muss, dann bleibt aber der Vorwurf, dass er antisemitische Klischees, die nichts mit der Realität zu tun hatten, benutzt, um gegen „Schacher“ und „Eigennutz“ zu wüten. Er schwelgt dabei in Eliminationsphantasien, wie sie für das 19. Jahrhundert so typisch waren.

So wie die Neuzeit mit der Hexenverfolgung beginnt, die es im „finsteren Mittelalter“ nicht gab, weil der sichere Boden des Glaubens durch die wirtschaftlichen und geistigen Veränderungen unterminiert wurde, so feiert das 19. Jahrhundert geradezu eine Orgie von Vernichtungsphantasien. Und das, obwohl es das Jahrhundert ist, wo die Menschheit beginnt, der Mathusianischen Falle zu entkommen und eine nie gekannte Verbesserung der Lebensverhältnisse von Millionen von Menschen erlebte. Die Umsetzung dieser Fantasien gelang allerdings erst im 20. Jahrhundert. Nationen wurden vertrieben und dezimiert, es wurde versucht, ganze „Rassen“ auszulöschen und last but not least wurde versucht, Klassen zu eliminieren, wie z.B. die Kulaken in der Sowjetunion. Hierbei konnte man sich auf Marx und Engels berufen, die tiefen Haß gegen Kapitalisten empfunden hatten und den Untergang dieser Klasse prophezeit hatten. Natürlich sollte dies durch die Veränderung der Gesellschaft geschehen und nicht durch Massenmord. Nur, wenn es nicht gelingt, die Gesellschaft, wie von Marx und Engels vorhergesagt, zu verändern, weil der menschliche Egoismus eben nicht auf dem Privateigentum basiert, sondern tief im Menschen verankert ist. Dann, ja dann liegt es sehr nahe, dass man der Klasse der Eigentümer die Schuld dafür gibt und versucht, das Problem des Eigennutzes zu eliminieren, indem man ihre vermeindlichen Urheber eliminiert.

Hierfür könnte man sogar die Definition von Klaus Theweleit für Faschismus heranziehen, der in einem Interview erklärte – allerdings auf AfD-Politiker gemünzt: „Für mich beginnt Faschismus beziehungsweise Rechtsnationalismus da, wo das ‚Eliminatorische’ ins Zentrum rückt. Wenn es heißt: ‚Diese Leute da müssen weg.“[46]In einem Interview mit Julia Encke in der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 25.9.2019 Und das „Eliminatorische“ war für Marx und auch für Engels ja nun mal ganz zentral in ihrem Denken. Und was ist besser an Kapitalistenhass als an Judenhass oder Hass auf Menschen mit Migrationshintergrund? Meiner Meinung nach gar nichts. Denn jedes pauschale Urteil, bei dem Menschengruppen aus der Menschheitsfamilie ausgegrenzt werden, sei es aus rassischen, politischen, religiösen, nationalen oder eben sozialen Gründen, widerspricht den humanistischen Grundsätzen und kann von Abwertung über Ausgrenzung schließlich zu Morden führen, wie uns das 20. Jahrhundert schmerzhaft gezeigt hat.

Mit einer sehr zugespitzten Wendung ließe sich sagen, dass es sich beim Marxismus um Antisemitismus ohne Juden handelt, insofern die nicht den Tatsachen entsprechenden Vorurteile gegen Juden auf die Kapitalisten übertragen werden. Weniger zugespitzt könnte man davon sprechen, dass es sich um eine Form des Sozialchauvinismus[47]Nach Wikipedia bedeutet „Chauvinismus […] der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe.“ Wir wenden den Begriff „Sozialchauvinismus“ auf den Marxismus an, weil ihm der Glaube an die … Continue reading handelt, der zur Rechtfertigung mehrerer Ökonomizide[48]Den Begriff „Ökonomizid“ hat Gunnar Heinsohn vorgeschlagen. Mit diesem Begriff sollen die Opfer erfasst werden, „die aus wirtschaftstheoretischen Gründen umgebracht wurden bzw. werden.“ … Continue reading in der Welt gedient hat.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 MEW, Bd. 1, S. 347-377 (im folgenden zitiert als Marx: Judenfrage).
2 MEW 1, S. 377.
3 MEW 1, S. 378-391.
4 Nach Gareth Stedman Jones wurde er aber auch durch Arnold Ruge zu einer Feuerbachschen Kritik am Staat geführt (Jones 2020, S. 160), die Marx jedoch durch Heß angeregt über Ruge hinaus entwickelte. Dies ist ein typisches Vorgehen von Marx gewesen, bis er mit Engels einen Geistesgenossen fand, an den er sich sein ganzes Leben lang band. Zuvor folgte Marx einem Mentor und spitzte dessen Theorie in der Regel beim Wechsel zum nächsten Mentor so zu, dass es zum Bruch mit dem bisherigen kam. Das war so beim Übergang von Bauer zu Ruge, wie auch beim Wechsel von Ruge zu Heß. Nur das Zerwürfnis mit Moses Heß, der sich mit der diktatorischen Art von Marx nicht anfreunden konnte, hatte überwiegend persönliche und weniger politische Gründe.
5 Am 29. November 1842 hatte Marx einen redigierten Brief von Georg Herwegh in der „Rheinischen Zeitung“ abgedruckt. Darin werden Herwegh und Ruge mit ihrer heftigen Kritik an den „Freien“ – eine Berliner Gruppe, zu der auch Bruno Bauer und sein Bruder gehörten – zitiert (MEGA2 I/1, S. 371; s. dazu auch die Briefe von Herwegh und Ruge an Marx in MEGA2 III/1, S. 379-390). Bauer jedenfalls war tief verletzt, wie aus seinem kühlen Brief vom 13. Dezember 1842 (MEGA2 III/1, S. 386 ff.) hervorgeht, in dem er Marx vorwarf, auch in der Sache im Unrecht zu sein und ungeprüft Behauptungen aus dritter Hand vertraut zu haben.
6 Bauer, Bruno: Die Judenfrage. Braunschweig: Friedrich Otto 1843 (im weiteren zitiert als Bauer 1843a) und ders. Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden. In: Herwegh 1843, S. 56-71 (im weiteren zitiert als Bauer 1843b).
7 Bauer 1843a, S. 61. Diese Frage stellt sich heute vor allem im Konflikt westlicher Demokratien mit dem Islam. Aber auch im Kulturkampf der 1870er Jahre ging es darum, den Einfluss besonders der katholischen Kirche in Deutschland zugunsten des Staates zurückzudrängen, wobei die Loyalität der Katholiken gegenüber dem Staat bezweifelt wurde (Ultramontanismus). Dieser Konflikt erinnert ein Stück weit an den „Investiturstreit“ des Mittelalters, in dem geistliche und weltliche Macht um das Recht der Amtseinsetzung von Geistlichen rangen. In dem neuerlichen Kampf, den Bismarck mit harten Bandagen führte, emanzipierte sich der Staat ein Stück weit von dem Einfluss der christlichen Kirchen (z.B. durch die „Zivilehe“), wobei die katholische Kirche gleichzeitig ihre Unabhängigkeit verteidigen konnte und zum wichtigsten Fürsprecher der Landbevölkerung und der katholischen nationalen Minderheiten – besonders der Polen – wurde. Politisch wurden diese Kräfte durch die „Deutsche Zentrumspartei“vertreten. „Bei Beendigung des Konflikts [1878, RS] waren 1800 katholische Pfarrer inhaftiert und Kircheneigentum im Wert von 16 Millionen sogenannte Goldmark (entspricht dem Gegenwert von 121 Millionen Euro) beschlagnahmt worden. […] Unter Bismarcks Nachfolgern unterstützte das Zentrum die Regierungspolitik auf den wichtigen Feldern der Innen-, Außen-, Kolonial- und Flottenpolitik und hatte damit den Wandel von der Oppositions- zur De-facto-Regierungspartei vollzogen, wenngleich Katholiken weiterhin vielfach Bürger zweiter Klasse waren, denen der Zugang zu höheren Positionen verwehrt blieb, solange sie sich nicht öffentlich gegen das Zentrum aussprachen.“ (Wikipedia: Kulturkampf).
8 Bauer 1843b, S. 70 f.
9, 20 Marx: Judenfrage (MEW 1, S. 361).
10 Heß 1841, S. 138 u. 140.; siehe zu seiner Einstellung zur Religionsfreiheit auch Heß 1843a; zit. in Cornu, Mönke 1961, S. 209.
11 Marx meint hiermit das Zensuswahlrecht (Wiki), das bestimmte finanzielle Voraussetzungen für das Wahlrecht vorsieht, wie z.B. das preußische Dreiklassenwahlrecht.
12 Marx: Judenfrage (MEW 1, S. 354 f.).
13 Zitiert nach Cornu, Mönke 1961, S. 331.
14 Ebd., S. 356.
15 Ebd., S. 360 f.
16 Ebd., S. 361 f.
17 Dass Menschenrechte vor allem den Eigentümer nutzen würden, hatte zuvor schon Moses Heß behauptet (Siehe Rosen 1983, S. 151 ff.).
18 Marx: Judenfrage (MEW 1, S. 364 ff.).
19 Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 370 (Hervorh. im Original RS).
21 Jones 2020, S. 168.
22 Er sprach in seinem Artikel „Die Gattung und die Masse“ von 1844 von „Blattinsekten“ (Bauer 1844).
23 HKWM, Bd. 4, Sp. 1254, „Gattungswesen“.
24 Engels hatte ja in einem Brief an Marx, in dem er den Stirnerschen Egoismus kritisierte, geschrieben: „Erstens ist es Kleinigkeit, dem St[irner] zu beweisen, daß seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen. […] Zweitens muß ihm gesagt werden, daß das menschliche Herz schon von vornherein, unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd ist“. (Brief vom 19. November 1844, in: MEW 27, S. 11).
25 Die Ferengi sind ein Händlervolk, das in extrem-überzeichneter Form auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist. Kritiker haben eingewandt, dass hier antisemitische Klischees bedient würden.
26 Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 372 (Hervorh. im Original RS).
27 Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 373 f. (Hervorh. im Original RS).
28 Der soziale Aufstieg der Juden fand ja erst in den folgenden Jahrzehnten statt. Der Aufstieg bestand in erster Linie darin, dass jüdische Bürger bürgerliche Berufe ergriffen und erfolgreich ausübten, als Rechtsanwälte, Ärzte, Professoren und auch Politiker. Diese beispiellose Aufstiegsgeschichte der jüdischen Bürger im 19. Jahrhundert dürfte eine wesentliche Quelle des wachsenden Antisemitismus im Kaiserreich gewesen sein und in starkem Maße auf Neid beruht haben.
29 Abgedruckt in Cornu, Mönke 1961, S. 329-348. Der Aufsatz wurde nicht mit aufgenommen. Die Veröffentlichung fand dann 1845 statt, aber Marx lag das Manuskript vor, bevor die „Jahrbücher“ gedruckt wurden.
30 Cornu, Mönke, S. 335.
31 Ebd., S. 337.
32 Heß 1845; zitiert nach Cornu, Mönke 1961, S. 345 (Hervorh. immer im Original, RS).
Die Darstellung von Juden als Blutsaugern lassen den Leser heute unwillkürlich an die entsprechende antisemitische Hetze der Nationalsozialisten denken. Aber auch in der damaligen Zeit muss der Vorwurf des „Blutdurst“es – vorgebracht von einem Juden gegenüber seinen Glaubensgenossen – sehr befremdlich gewirkt haben, denn die Damaskusaffäre, bei der Juden in Damaskus beschuldigt wurden, zwei Franzosen ermordet zu haben, weil sie deren Blut für das bevorstehende Pessachfest benötigt hätten, lag erst fünf Jahre zurück. Verhaftungen, erfolterte Geständnisse und Ausschreitungen bis hin zu Ermordungen waren die Folge dieses Verdachtes, den ausgerechnet der französische Konsul vorgebracht hatte.
Die Ironie der Geschichte wollte es, dass Moses Heß später das Judentum nicht in erster Linie als Religion sondern als Nation ansah, weshalb er die Assimilation ablehnte und damit zu einem Vorläufer des Zionismus wurde.
33, 36 Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 374 f. (Hervorh. im Original RS).
34, 35 Marx: Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 376 f. (Hervorh. im Original RS).
37 Ebd., S. 376 f. (Hervorh. im Original, RS).
38 Nolte 1983b, S. 412 f. Als Begründung verweist Nolte auf Briefe von Marx in MEW 27, S. 409 und 418. Während der Brief von Marx an Dagobert Oppenheim vom 25. August 1842 diesbezüglich nicht sehr aussagekräftig ist, nimmt er im Brief an Arnold Ruge vom 13. März 1843 kein Blatt vor den Mund, wenn er schreibt: „Soeben kömmt der Vorsteher der hiesigen Israeliten zu mir und ersucht mich um eine Petition für die Juden an den Landtag, und ich will’s tun. So widerlich mir der israelitische Glaube ist, so scheint mir Bauers Ansicht doch zu abstrakt. Es gilt soviel Löcher in den christlichen Staat zu stoßen als möglich und das Vernünftige, soviel an uns, einzuschmuggeln. Das muß man wenigstens versuchen und die Erbitterung wächst mit jeder Petition, die mit Protest abgewiesen wird.“ (MEW 27, S. 418). Ob die Bemerkung, dass ihm der „israelitische Glaube“ „widerlich“ sei, tatsächlich als ein Zeichen von Philosemitismus anzusehen ist, wage ich zu bezweifeln.
Auch Detlev Claussen führt als entlastendes Argument gegen den Vorwurf des Antisemitismus den praktischen Einsatz von Marx für die Emanzipation der Juden durch diese Petition an (HKWM, Band 1, Sp. 357 f.: „Antisemitismus“).
39 Das Zitat wird im HKWM falsch belegt. Das angegebene Werk (HAUG 1983/1993) findet sich nicht im Literaturverzeichnis. Sinngemäß findet sich diese Aussage aber in Haug 1987b, S. 147, Anm. 4.
40 HKWM, Band 7/II, Sp. 1895 f.: „Kosmopolitismus, moderner“.
41 HKWM, Band 1, Sp. 357 f.: „Antisemitismus“.
42 Matthias Vetter im Antisemitismus-Handbuch, Band 2/2, S. 525 f. („Marx“).
43 Siehe Schoeps, Schlör: Antisemitismus, S. 107.
44 Antisemitismus-Handbuch, Band 6, S. 781 f.: „Zur Judenfrage“.
45 Marx: Grundrisse, in: MEW 42, S. 158 (Hervorh. im Original, RS).
46 In einem Interview mit Julia Encke in der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 25.9.2019
47 Nach Wikipedia bedeutet Chauvinismus […] der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe.“ Wir wenden den Begriff „Sozialchauvinismus“ auf den Marxismus an, weil ihm der Glaube an die Überlegenheit des Proletariats über die Bourgeoisie zu Grunde liegt. Ironischerweise sind und waren alle Theoretiker dieser Ideologie keine Angehörigen dieser „überlegenen Gruppe“, sondern im Gegenteil zum „minderwertigen“ Bürgertum zu zählen.
48 Den Begriff „Ökonomizid“ hat Gunnar Heinsohn vorgeschlagen. Mit diesem Begriff sollen die Opfer erfasst werden, „die aus wirtschaftstheoretischen Gründen umgebracht wurden bzw. werden.“ Hierbei handelt es sich um eine spezielle Form des Demozid, „ein von dem amerikanischen Politikwissenschaftler Rudolph Joseph Rummel eingeführter Begriff, unter dem vorsätzliche Massentötungen von bestimmten Menschengruppen durch eine Regierung zusammengefasst werden.“