Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist für das Verständnis des Marxismus nicht nur deshalb wichtig, weil er die Voraussetzung für die Pariser Kommune bildete. Von ebenfalls sehr großer Bedeutung für dieses Verständnis ist die Auseinandersetzung der sozialdemokratischen Parteiführung mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht darüber, ob man den Kriegskrediten zustimmen müsse oder nicht. Da Karl Marx und Friedrich Engels von England aus die Position der Parteiführung des „gerechten Verteidigungskrieges“ massiv unterstützten, kann die Analyse ihrer Argumentation zum besseren Verständnis ihres theoretischen Verhältnisses zu Krieg und Frieden beitragen.

Der Krieg von 1870/71 ist vielleicht diejenige gewaltsame Auseinandersetzung, bei der Anlass – aus heutiger Sicht ein völlig nichtiger – und seine Folgen – äußerst gravierende und langfristige – am weitesten auseinander klaffen, verglichen mit allen anderen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts. Hermann Pölking hat zudem richtigerweise festgestellt, dass dieser Krieg „15 Jahrzehnte später ein vergessener Krieg“ ist, der aber gleichwohl „die lange währende reflexhafte Feindschaft der beiden Nachbarländer entflammt hat.“[1]Pölking, Sackarnd 2020, S. 21.

Alles begann damit, dass einem Abkömmling einer katholischen Nebenlinie der Hohenzollern die Königswürde von Spanien angetragen wurde und er diese auch annehmen wollte. Das brachte die Franzosen in Wallung, die sich nun durch Preußen eingekreist wähnten. König Wilhelm konnte seinen entfernten Verwandten schließlich von seinen Plänen abbringen. Allein, die französische Öffentlichkeit verlangte nun eine Erklärung vom preußischen König, dass sich eine solche Unbotmäßigkeit nicht wiederholen werde. Diese Erklärung verweigerte König Wilhelm dem französischen Botschafter, der ihn bei seinen Spaziergängen im Kurort Bad Ems immer wieder abgepasst hatte. Dies ließ er seinem Reichskanzler in Berlin in einem ausführlichen Telegramm mitteilen – der „Emser Depesche“. Bismarck, der ungehalten darüber war, dass sein Plan der Besetzung des spanischen Thrones gescheitert war, kürzte und ergänzte das Telegramm so geschickt, dass es sich wie eine Ohrfeige für die Franzosen las. Dieses Schreiben, das häufig fälschlicherweise als „Emser Depesche“ bezeichnet wird, schickte er an alle Regierungen – mit Ausnahme der französischen – und an die Presse.

Wie erwartet, wurde dies in Frankreich als unverschämter Affront aufgefasst. Die Öffentlichkeit und auch Teile der Politik verlangten nun Genugtuung in Form einer Kriegserklärung. Kaiser Napoleon III., der schon schwer krank war, war wenig begeistert. Er ließ sich aber von der Woge der Siegesgewissheit und Kriegsbegeisterung zu einer Kriegserklärung hinreißen. Die Franzosen wähnten sich militärisch deutlich überlegen,[2]Die durch den „beschönigten Sieg“ im Krimkrieg nach 1856 in Frankreich entstandene „Euphorie“ mündete „im Vorfeld des Deutsch-Französischen Krieges […] in Selbstüberschätzung“, … Continue reading wobei sie erwarteten, dass die deutschen Länder, die Preußen gerade vier Jahre zuvor besiegt (u.a. Österreich, Bayern, Baden und Württemberg) und teilweise sogar annektiert hatte (Hannover z.B.), nicht zusammen mit ihrem vormaligen Kriegsgegner gegen Frankreich ins Feld ziehen würden. Der wahre Grund für den Krieg war natürlich viel ernster: Frankreich, das Deutschland seit Jahrhunderten fast nach Belieben mit Krieg überziehen konnte, missfiel der Versuch Preußens, die deutschen Länder ohne Österreich zu einem Nationalstaat zu vereinen. Mit dem Sieg im Krieg von 1866 über den Deutschen Bund unter Führung Österreichs[3]Auf Seiten Österreichs kämpften alle größeren deutschen Staaten, die mit Ausnahme der Königreiche Hannover und Sachsen überwiegend im Süden Deutschlands lagen. Auf Seiten Preußens kämpften … Continue reading und seinen Annexionen besaß Preußen nun ein zusammenhängendes Staatsgebiet, das fast das gesamte Norddeutschland umfasste und weit in den Osten reichte. Zusätzlich gelang es Preußen mit seinen Bündnispartnern und auch einigen Kriegsgegnern im Jahre 1867 den Norddeutschen Bund als Bundesstaat zu gründen. Dieser kann auch in verfassungsrechtlicher Hinsicht als Vorläufer des Deutschen Reiches von 1871 angesehen werden. Einen Anschluss von süddeutschen Ländern verhinderte der Einspruch Frankreichs. Dem Reichstag wurde die Frankfurter Reichsverfassung von 1849 zu Grunde gelegt. Das bedeutete das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht (für Männer), wie es damals in der Welt noch recht selten war. Dies Wahlrecht war wesentlich demokratischer als das preußische Dreiklassenwahlrecht und führte dazu, dass die SPD bis 1912 zur stärksten Partei im Reichstag des vereinten Deutschen Reiches wurde. Damit war der Norddeutsche Bund, wie auch das spätere Deutsche Reich, das die Verfassung des Norddeutschen Bundes übernahm, aber noch keine wirkliche Demokratie, denn der Reichstag hatte nur sehr eingeschränkte Rechte. So wählte er weder den Reichskanzler noch die Minister. Aber er verabschiedete die Gesetze und den Haushalt. Dieses Recht sollte zweimal zu einer Zerreißprobe für die Sozialdemokraten werden: bei der Genehmigung der Kriegskredite im Jahre 1870 und ungleich existentieller im Jahre 1914 und folgende.

Bereits am 12. Juli 1870 – also noch vor Kriegsbeginn – veröffentlichte die französische Sektion der Internationaleneine Stellungnahme gegen den Krieg, in der es hieß:

„Abermals bedroht politischer Ehrgeiz den Frieden der Welt unter dem Vorwand des europäischen Gleichgewichts und der Nationalehre. Französische, deutsche und spanische Arbeiter! Vereinigen wir unsre Stimmen zu einem Ruf des Abscheus gegen den Krieg.“[4]Zitiert nach „Karl Marx: Erste Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“, in MEW 17, S. 4.

Diese Einstellung teilten aber viele Franzosen nicht. So demonstrierten am Abend des 14. Juli 1870 tausende Menschen in Paris für den Krieg gegen Preußen. Am nächsten Tag stimmten 245 Abgeordnete des französischen Parlaments für die Aufnahme von Kriegskrediten; 10 Abgeordnete stimmten dagegen.

Deutsche Arbeiter dagegen begrüßten die Stellungnahme der französischen Sektion der „Internationalen“ gegen den Krieg. Am 17. Juli kam es in Chemnitz zu einer Arbeiterversammlung, auf der ein von Bebel und Liebknecht zur Abstimmung vorgelegter Text einstimmig verabschiedet wurde. In diesem hieß es:

„Die Landesversammlung protestirt gegen jeden nicht im Interesse der Freiheit und Humanität geführten Krieg, als einen Hohn auf die moderne Kultur. Die Landesversammlung protestirt gegen einen Krieg, der nur im dynastischen Interesse geführt wird, und das Leben von Hunderttausenden, den Wohlstand von Millionen auf das Spiel setzt, um den Ehrgeiz einiger Machthaber zu befriedigen. Die Versammlung begrüßt mit Freuden die Haltung der französischen Demokratie und insbesondere der sozialistischen Arbeiter, sie erklärt sich mit deren Bestrebungen gegen den Krieg vollständig einverstanden und erwartet, daß auch die Demokratie und die deutschen Arbeiter in diesem Sinne ihre Stimme erheben.“[5]„Der Volksstaat“ vom 20. Juli 1870, S. 1; In Bebels Autobiografie findet sich der identische Text (Bebel 1997, S. 307). „Der Volksstaat“ war das Zentralorgan der marxistisch orientierten … Continue reading

August Bebel wies 1911 in seiner Autobiografie zutreffend darauf hin, dass der Braunschweiger Ausschuss – eine Art Parteivorstand – „anders dachte“.[6]Bebel 1997, S. 307. Dieser hatte nämlich am Vortage in Braunschweig einen anderslautenden Beschluss verabschieden lassen, in dem die Hoffnung ausgedrückt wurde, dass

„die Pariser Arbeiter ihre Gesinnung mit der nöthigen Energie bekräftigen und so Europa noch in zwölfter Stunde vor dem unglückseligsten aller Kriege bewahren werden.“ Allerdings wurde in dieser Erklärung bereits auf „einen gewichtigen Unterschied in der augenblicklichen Lage des französischen und deutschen Volkes hingewiesen“, der darin bestehe, dass „Napoleon und die sogenannten Vertreter des französischen Volkes […] die frivolen Friedensbrecher und Ruhestörer Europas“ sind. „Die deutsche Nation dagegen ist die beschimpfte, die angegriffene; daher muß, wenn auch mit dem lebhaftesten Bedauern, die Versammlung den Vertheidigungskrieg als unvermeidliches Uebel anerkennen“. Im Anschluss wird das gesammte Volk aufgefordert, „mit allen Mitteln dahin zu wirken, daß die Wiederkehr eines solchen sozialen Unglücks für alle Zeiten dadurch unmöglich gemacht werde, daß dem Volke selbst die Entscheidung über Kriege und Frieden, wie überhaupt die vollste Selbstbestimmung wird.“[7]„Der Volksstaat“ vom 20. Juli 1870, S. 1. Auch diese Erklärungen zitierte Marx zustimmend in seiner „Adresse“ (MEW 17, S. 6), ebenfalls in verändertem Wortlaut: „Mit tiefem Kummer und … Continue reading

Aber diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Ohne sich durch die „Internationale“ davon abhalten zu lassen, erklärte Frankreich am 19. Juli 1870 dem Norddeutschen Bund den Krieg. Aber auch die Hoffung der Kriegsbefürworter in Frankreich, dass die süddeutschen Länder sich aus dem Krieg heraushalten würden, ging nicht auf. Diese bekannten sich umgehend zu ihren Bündnisverpflichtungen und traten gegen Frankreich in den Krieg ein. Alle anderen Mächte erklärten ihre Neutralität – selbst Österreich.

Also herrschte, als die oben zitierten Stellungnahmen in der Parteizeitung abgedruckt wurden, bereits Krieg. So wurde in derselben Ausgabe der Zeitung eine erste Stellungnahme der Parteiführung zum Krieg veröffentlicht, in der es hieß:

„Der Dezemberthron

[8]Dieser Ausdruck bezieht sich auf den Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte (1808-1873), ein Neffe von Kaiser Napoleon I., am 2. Dezember 1851, mit dem er eine Diktatur errichtete. Ein Jahr … Continue reading ist der Eckstein des reaktionären Europa. Fällt Bonaparte, so fällt der Hauptträger der modernen Klassen- und Säbelherrschaft. Siegt Bonaparte, so ist mit der Französischen die Europäische Demokratie besiegt.

Die Französische Demokratie ist sich ihrer Stellung zu Bonaparte so klar bewust, daß ihr dessen Niederlage das Signal zu einer Revolution, zur Verkündung der Republik sein wird.

Aus diesen Thatsachen ergiebt sich:

Unser Interesse erheischt die Vernichtung Bonapartes.

Unser Interesse steht in Harmonie mit dem Interesse des Französischen Volks.“[9]Der Volksstaat“ vom 20. Juli 1870, S. 1.

Das waren nun schon wesentlich kriegerische Töne. Nun bestand der Internationalismus darin, dass auch im Interesse des französichen Volkes der Kampf gegen die französische Armee aufzunehmen sei, um Napoleon III., den „Eckstein des reaktionären Europa“ zu stürzen, um damit die Revolution in Frankreich zu ermöglichen, die die Franzosen alleine nicht zu Stande gebracht hatten. Die Überzeugung, dass Napoleon III. – neben dem russischen Zaren – der „Eckstein des reaktionären Europa“ sei, hatten Marx und Engels vertreten, seit er sich 1851 durch einen Staatsstreich zum Diktator in Frankreich aufgeschwungen hatte.

Im Reichstag des von Preußen dominierten Norddeutschen Bundes stimmten alle Abgeordneten am 21. Juli für die Bewilligung einer Kriegsanleihe in Höhe von 120 Millionen Talern[10]Auch die Gläubiger rechneten wohl eher mit einem französischen Sieg, denn die französische Kriegsanleihe in Höhe von 700 Millionen Franken wurde vollständig gezeichnet, während in Deutschland … Continue reading – auch Abgeordnete der beiden Arbeiterparteien.[11]Der 1863 von Ferdinand Lassalle gegründete Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und die 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach ins Leben gerufene Sozialdemokratische … Continue reading Mit Ausnahme zweier Sozialdemokraten, nämlich August Bebels (1840-1913) und Wilhelm Liebknechts (1826-1900), die sich der Stimme enthielten.[12]Wilhelm Liebknecht wollte ursprünglich sogar gegen den Antrag stimmen, weil er der – aus heutiger Sicht vollkommen richtigen – Ansicht war, dass „beide Teile am Krieg Schuld seien und wir für … Continue reading Als Begründung gab Bebel folgendes zu Protokoll:

„Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als Sozial-Republikaner und Mitglieder der Internationalen Arbeiter-Assoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle Unterdrücker bekämpft und alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbunde zu vereinigen sucht, können wir uns weder direkt noch indirekt für den gegenwärtigen Krieg erklären und enthalten uns daher der Abstimmung.“[13]Bebel 1997, S. 308; s.a. Deutschlandfunk.

Öffentlich lobte Marx dieses Verhalten:

„Am 26. Juli 1870 berichtete Marx im Generalrat über das Auftreten Bebels und Liebknechts vor dem Norddeutschen Reichstag. Der Rat billigte die von den Führern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei abgegebene Erklärung“, was Marx auch sofort Liebknecht mitteilte.[14]MEW 33, S. 717, Anm. 49. Und am 29. Juli 1870 berichtete Marx an Liebknecht direkt: „Letzten Dienstag übersetzte ich ins Englische dem General Council den Reichstag-Protest von Dir und Bebel. Er … Continue reading Und in einem Brief an seinen Schwiegersohn und seine Tochter in Paris schrieb Marx: „Ich lege zwei Ausschnitte aus Liebknechts ‚Volksstaat’ bei. Ihr werdet sehen, daß er und Bebel sich im Reichstag außerordentlich gut benommen haben.“[15]Marx an Paul und Laura Lafargue in Paris vom 28. Juli 1870, MEW 33, S. 126. Es dürfte sich um die Ausgabe vom 27. Juli gehandelt haben (Zeitungen wurden damals häufig auf den folgenden Tag … Continue reading

Aber Marx trieb ein doppeltes Spiel. So äußerte er in seinen Briefen an Engels eine ganz andere Ansicht. Schon im Vorfeld hatte Marx über Liebknecht mit den Worten gewettert: „Apropos! Hat Wilhelm in Dummheit sich nicht selbst übertroffen in seinem letzten ‚Volksstaat’?“[16]Brief von Marx an Engels vom 20. Juli 1870 (MEW 33, S. 7). Damit spielte Marx wahrscheinlich auf die Ausgabe vom 17. Juli 1870 an, in der der Redakteur noch davon ausging, dass sich Preußen den … Continue reading Und auch in der „Erste[n] Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“, die Marx verfasst hatte, ergriff er Partei für den Parteivorstand, auch wenn er vordergründig Bebel und Liebknecht ebenfalls zustimmte. Hierauf wird gleich noch näher einzugehen sein.

Der Konflikt zwischen den beiden Seiten in der Partei war bei Kriegsbeginn sofort in aller Heftigkeit entbrannt. So erntete insbesondere Wilhelm Liebknecht für seine Veröffentlichungspraxis im „Volksstaat“ scharfe Kritik des Vorstandes der Partei (des sogenannten „Braunschweiger Parteiausschusses“). In einem Brief des Ausschusses erhielt er die unmissverständliche Anweisung,

„daß auf Beschluss des Ausschusses der gesamte Bericht über die hiesige Volksvers[ammlung] ohne Widerrede in der nächsten Sonnabends-Nummer zu erscheinen hat; – daß der Ausschuß eine Rüge darüber beschlossen hat, daß dieser Bericht nicht schon in der heutigen Nummer erschien“.[17]Brief vom 20. Juli 1870, zit. n. Eckert 1973, S. 324. Die Ergänzung in eckigen Klammern stammt vom Herausgeber des Briefwechsel, der darauf hingewiesen hat, dass „von dem umfangreichen … Continue reading

Die Vorhaltungen gegenüber Liebknecht wurden mit den Worten fortgesetzt, „dass der Ausschuß Dir überhaupt sehr ernstlich empfiehlt in dieser kritischen Zeit mit größter Ruhe und Besonnenheit zu verfahren“. Desweiteren wurde in einer anderen Sache sein Vorgehen „entschieden mißbilligt“, während ein „Schnitzer“ in einem weiteren Bericht den Ausschuß „unangenehm berührt“ hätte. Es folgte die Anweisung, dass „für die zukünftige Haltung der Redaction in Sachen der Kriegsfrage die braunschweiger Verhandlungen und Beschlüsse maßgebend sein sollen“. Diese massive Maßregelung endete mit den Worten: „im Übrigen grüßen wir dich freundschaftlich, der Ausschuß: Spier, Gralle, Bracke, Kühn, Bonhorst“.[18]Ebd., S. 324 f. (Hervorh. im Original).

In seiner Antwort vom 26. Juli an Wilhelm Bracke (1842-1880)[19]Wilhelm Bracke „war ein deutscher Sozialdemokrat, Verleger und Publizist. Er war maßgeblich an der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP), der Vorläuferin der … Continue reading und Leonhard von Bonhorst (1840-1915) hatte Liebknecht nach einigen Worten der Erklärung der kritisierten Berichte den politischen Dissens zwischen ihm und Bebel auf der einen und der Parteiführung auf der anderen ganz klar benannt:

„Einig sind wir uns“ in den ersten beiden Punkten: „Wir sind Alle Gegner der dynastischen Kriege, und dann sind wir nicht national, sondern international.“ „Der dritte Punkt – betreffend die Stellung zur preußischen Regierung […] – findet uns dagegen uneinig“. Großmütig fuhr er fort: „Und ich nehme Euch Euren patriotischen Eifer deshalb nicht allzuübel.“ Im Gegenzug bat er die Kontrahenten: „Aber seid auch Eurerseits tolerant.“ Denn jetzt müsse „dieser Zwist […] um jeden Preis beigelegt […] werden.“ Und beschwörend schloss er mit den Worten: „Es darf in einem Moment, wie dem jetzigen, in der Partei nichts vorkommen, was sie Uneinigkeit aussähe,“ und es müsse „alles […] unterlassen [werden], was die Differenzen verschärfen könnte.[20]Eckert 1973, S. 327.

Auch wenn keine weitere Korrespondenz von Liebknecht bekannt ist, die den weiteren Verlauf dieses Dissenses verdeutlichen würde, so ist die Parteiführung offensichtlich nicht auf das Friedensangebot von ihm eingegangen. Denn Bebel schreibt in seiner Autobiografie:

„Diese Bitte war vergeblich. Schließlich war Liebknecht so verärgert, daß er drohte auszuwandern […].[21]So hatte Liebknecht in einem Brief an Bracke vom 30. August 1870 von seinen Auswanderungsplänen nach „England oder America“ berichtet (zit. n. Eckert 1973, S. 334), „nicht aus Furcht […], … Continue reading Auch mir wurden die Nörgeleien der Braunschweiger zu arg. Am 13. August schrieb ich nach dort: ‚Wenn der Ausschuß in Braunschweig gegen Liebknecht vorgeht, verzichten wir auf jede fernere Mitwirkung am ‚Volksstaat’. Nach eurem Briefe […] scheint Ihr in eine Art von nationalem Paroxysmus verfallen zu sein, scheint Ihr den Skandal und den Bruch in der Partei um jeden Preis zu wollen. Einen Verstoß gegen die Parteiprinzipien könnt Ihr in unserem Verhalten auf dem Reichstag nicht nachweisen. Statt Euch damit zu begnügen, daß keine Verschärfung des Konfliktes eintritt, verlangt Ihr von Leuten, die eine feste Meinung haben, die Änderung, die Verleugnung dieser Ansicht.’“ Zum Schluss trumpfte Bebel mit der Feststellung auf: „Marx hat sich auch für uns erklärt.“[22]Zit. nach Bebel 1997, S. 309. Auch wenn die „Adresse“ wohl bewusst mehrdeutig gehalten war, hatte Marx Liebknecht ja ausdrücklich seine Zustimmung und die des Generalrates bestätigt (s. Brief … Continue reading

Tatsächlich hatte Marx in der „Ersten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“[23]Am 19. Juli 1870 – dem Tage der französischen Kriegserklärung – beauftragte der Generalrat Marx, eine Adresse anlässlich dieses Krieges vorzubereiten. Karl Marx schrieb die „Erste Adresse … Continue reading, die am 7. August im „Volksstaat“ veröffentlicht wurde, sich die Sicht des Vorstandes zu eigen gemacht – wenn auch mit Einschränkungen. Denn dort heißt es:

„Von deutscher Seite ist der Krieg ein Verteidigungskrieg. Aber wer brachte Deutschland in den Zwang, sich verteidigen zu müssen? Wer ermöglichte Louis Bonaparte, den Krieg gegen Deutschland zu führen? Preußen! Bismarck war es, der mit demselben Louis Bonaparte konspirierte, um eine volkstümliche Opposition zu Hause niederzuschlagen und Deutschland an die Hohenzollerndynastie zu annexieren.“

Weiter heißt es in der „Adresse“:

„Erlaubt die deutsche Arbeiterklasse dem gegenwärtigen Krieg, seinen streng defensiven Charakter aufzugeben und in einen Krieg gegen das französische Volk auszuarten, so wird Sieg oder Niederlage gleich unheilvoll. Alles Unglück, das auf Deutschland fiel nach den sogenannten Befreiungskriegen, wird wieder aufleben mit verstärkter Heftigkeit.“

Und sie endet mit der frommen Illusion:

„Die englische Arbeiterklasse reicht den französischen wie den deutschen Arbeitern brüderlich die Hand. Sie ist fest überzeugt, daß, möge der bevorstehende scheußliche Krieg endigen, wie er will, die Allianz der Arbeiter aller Länder schließlich den Krieg ausrotten wird. Während das offizielle Frankreich und das offizielle Deutschland sich in einen brudermörderischen Kampf stürzen, senden die Arbeiter einander Botschaften des Friedens und der Freundschaft. Diese einzige große Tatsache, ohnegleichen in der Geschichte der Vergangenheit, eröffnet die Aussicht auf eine hellere Zukunft. Sie beweist, daß, im Gegensatz zur alten Gesellschaft mit ihrem ökonomischen Elend und ihrem politischen Wahnwitz, eine neue Gesellschaft entsteht, deren internationales Prinzip der Friede sein wird, weil bei jeder Nation dasselbe Prinzip herrscht – die Arbeit![24]MEW 17, S. 5, 6 und 7 (Hervorh. im Original). Diese Erklärung wurde am 7. August 1870 im „Volksstaat“ auf der ersten Seite abgedruckt. Da die „Adresse“ nur in englischer Sprache vorlag, kam … Continue reading

Die Arbeiter, die sich hier noch gegenseitig brüderlich die Hände reichen, werden sich wenige Wochen später totschießen. Hierin hatte Marx ein Argument aufgeführt, das „er zuvor noch niemals bei einer politischen Stellungnahme benutzt hatte.“[25]Wette 1971, S. 86. Allerdings war der Begriff nicht neu: „Eine frühe Theorie des Verteidigungskrieges legte nach 1760 der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe vor“, wird unter dem Stichwort … Continue reading Den Begriff des „gerechten Verteidigungskrieges“, den der Vorstand der SDAP angeführt hatte. In diesem Falle sah es Marx somit als gerechtfertigt an, dass die unterdrückte Klasse in Deutschland zusammen mit den Herrschenden sich gegen den Angreifer verteidigt.

Tatsächlich kann es ja auch aus Sicht der Arbeiter durchaus Kriege geben, bei denen es politisch und moralisch geboten erscheint, sich unter dem Kommando der Herrschenden gegen einen Angreifer zu wehren, wie es zur Zeit beim völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine der Fall ist. Ob dies beim deutsch-französischen Krieg ebenfalls der Fall war, ist bis heute unter Historikern sehr umstritten. Unstrittig aber ist, dass Bismarck den Krieg wollte, Deutschland bestens darauf vorbereitet war und Bismarck Frankreich absichtlich provoziert hatte, was damals noch nicht bekannt war. Und klar ist auch, dass August Bebel hierzu eine eindeutige Meinung vertreten hat. So schrieb er 1911 in seiner Autobiografie:

„Heute kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Krieg von 1870 von Bismarck gewollt und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden ist. […]

Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklärt, aber das Bewundernswerte in der Bismarckschen Politik lag darin, daß er die Karten so geschickt gemischt hatte, daß Napoleon mit der Kriegserklärung austrumpfen mußte, er mochte wollen oder nicht, und so als der Friedensbrecher erschien.“

So sicher war sich Bebel nun, dass er sogar mit seiner Kritik an Marx und Engels nicht hinterm Berge hielt, indem er ausführte:

„Haben doch kurze Zeit selbst Männer wie Marx und Engels die Anschauung gehabt und öffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der Friedensbrecher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, für die Beurteilung der europäischen Politik eine weit höhere war als die unsere. Die Vorgänge bis zur Kriegserklärung waren so irreführend und verblüffend, daß man ganz die Tatsache übersah, daß Frankreich, das den Krieg erklärte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet war, wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil erschien, die Kriegsvorbereitungen bis auf den letzen Lafettennagel fertig waren und die Mobilmachung wie am Schnürchen sich vollzog.“[26]Bebel 1997, S. 299 f.; Hervorh. im Original.

Marx hatte aber auch ein Interesse daran, nach außen diese Widersprüche in der Partei zu verdecken. So hatte er in seiner „Ersten Adresse“ beide Beschlüsse der SDAP-Parteiversammlungen, wie auch den vorausgehenden französischen, zustimmend zitiert, wenn auch in zum Teil stark verändertem Wortlaut.[27]Siehe oben. Zu dem Beschluss des Parteivorstandes, in dem der „Vertheidigungskrieg als unvermeidliches Uebel“ anerkannt wurde, erklärte Marx sogar kategorisch: „Eine Arbeitermassenversammlung in Braunschweig hat am 16. Juli sich mit dem Pariser Manifest vollständig einverstanden erklärt, jeden Gedanken eines nationalen Gegensatzes gegen Frankreich von sich gewiesen“.[28]MEW 17, S. 6. Damit versuchte Marx, auch die Konflikte, die durch den Krieg zwischen deutschen und französischen Arbeiter unvermeidlich entstehen mussten, zu leugnen, indem er behauptete, man könne für einen „Vertheidigungskrieg“ eintreten, ohne „jeden Gedanken eines nationalen Gegensatzes“. Aber der Generalrat der „Ersten Internationale“ befand sich ja auch in einem Dilemma, denn er musste sowohl die Interessen der deutschen als auch der französischen Arbeiter vertreten.

Wie ernst die Lage in der Partei tatsächlich war, beschrieb Bernd Rother 150 Jahre nach diesen Ereignissen im „Vorwärts“:

„Die SDAP-Führung erklärte, ‚mit Bedauern […] den Verteidigungskrieg als notwendiges Übel anerkennen’ zu müssen. Man verstehe nicht, so die Braunschweiger, ‚daß Jemand seines berechtigten internationalen Standpunktes halber den nationalen verleugnen will’. Die beiden Abgeordneten hätten mit ihrem Abstimmungsverhalten die Partei den ‚Herzen des Volkes […] entfremdet.’ Ins Visier des Vorstands geriet insbesondere Wilhelm Liebknecht. Entweder revidiere er seine Haltung oder er müsse das Reichstagsmandat niederlegen. Von ‚furchtbarer Schädigung der Partei’ war die Rede. Der so Angegriffene wiederum spielte mit dem Gedanken, nun in die USA auszuwandern. Und Bebel drohte, die Mitarbeit am Parteiblatt ‚Volksstaat’ einzustellen. Wilhelm Bracke, der politische Kopf des Vorstands und – als vermögender Getreidekaufmann – wichtige Finanzier der Partei, wiederum wollte alle Ämter niederlegen, wenn sich Bebel und Liebknecht nicht fügten.“[29]„Vorwärts“ vom 9.9.2020

Als die Wogen des innerparteilichen Konfliktes immer höher schlugen, vereinbarten die Streitenden schließlich, den Meister in London um ein klärendes Wort zu bitten. Am 12. August schrieb Marx aus dem Seebad Ramsgate sich über seine „diabolischen“ „Schmerzen im linken Hintern und mit Fortsetzung nach der Lende“ beklagend, die ihn „nachts kaum schlafen“ ließen, an seinen „liebe[n] Fred“: „Einliegend Masse Zeug, das ich nach Durchlesung mit Deinem motivierten Gutachten zurück haben muß.“[30]Brief von Marx an Engels vom 12. August 1870, in MEW 33, S. 37.

Trotz eigener Gesundheitsbeschwerden antwortete der Freund umgehend mit einer umfangreichen Stellungnahme:

„Lieber Mohr, Wenn man wie ich seit 3 Tagen es heftig im Bauch hat, mit gelindem Fieber von Zeit zu Zeit, so ist es selbst auf dem eingeschlagenen Weg der Besserung kein großes Vergnügen, über die politique Wilhelm[s][31]Hiermit ist Wilhelm Liebknecht gemeint, nicht König Wilhelm. sich zu verbreiten. Da Du aber den Kram wiederhaben mußt, so sei es.“[32]Engels an Marx vom 15. August 1870, in MEW 33, S. 39-42. Hierin übt Engels auch scharfe Kritik an Wilhelm Liebknecht, dem Verbindungs- und Gewährsmann der beiden in London lebenden … Continue reading

Engels kommt zu dem Ergebnis:

„Deutschland ist durch Badinguet[33]Name für Napoleon III. in einen Krieg um seine nationale Existenz hineingeritten. Unterliegt es gegen Badinguet, so ist der Bonapartismus auf Jahre befestigt und Deutschland auf Jahre, vielleicht auf Generationen, kaputt. Von einer selbständigen deutschen Arbeiterbewegung ist dann auch keine Rede mehr, der Kampf um Herstellung der nationalen Existenz absorbiert dann alles, und bestenfalls geraten die deutschen Arbeiter ins Schlepptau der französischen. Siegt Deutschland, so ist der französische Bonapartismus jedenfalls kaputt[. …] Die ganze Masse des deutschen Volks aller Klassen hat eingesehn, daß es sich eben um die nationale Existenz in erster Linie handelt, und ist darum sofort eingesprungen. Daß eine deutsche politische Partei unter diesen Umständen à la Wilhelm die totale Abstention predigen und allerhand Nebenrücksichten über die Hauptrücksicht setzen, scheint mir unmöglich.

Dazu kommt, daß der Badinguet diesen Krieg nicht hätte führen können ohne den Chauvinismus der Masse der französischen Bevölkerung, der Bourgeois, Kleinbürger, Bauern und des von Bonap[arte] in den großen Städten geschaffenen imperialistischen, Haussmannschen, aus den Bauern hervorgegangnen Bauproletariats. Solange dieser Chauvinismus nicht auf den Kopf gehauen, und das gehörig, ist Friede zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich. Man konnte erwarten, daß eine proletarische Revolution diese Arbeit übernehmen würde; seitdem aber der Krieg da, bleibt den Deutschen nichts übrig, als dies selbst und sofort zu tun.

Daß […] dieser Krieg von […] Bismarck und Co. kommandiert wird und ihnen zur augenblicklichen Gloire dienen muß, falls sie ihn glücklich durchführen, das verdanken wir der Misere der deutschen Bourgeoisie. Es ist allerdings sehr öklig [sic], aber nicht zu ändern. Darum aber den Antibismarckismus zum alleinleitenden Prinzip erheben, wäre absurd. Erstens tut B[ismarck] jetzt, wie 1866, immer ein Stück von unsrer Arbeit, in seiner Weise und ohne es zu wollen, aber er tut’s doch. Er schafft uns reineren Bord als vorher. Und dann sind wir nicht mehr Anno 1815. Die Süddeutschen treten jetzt notwendig in den Reichstag ein und damit erwächst dem Preußentum ein Gegengewicht. Dazu die nationalen Pflichten, die ihm zufallen und die, wie Du schon schriebst, die russische Allianz von vornherein verbieten. Überhaupt, à la Liebkn[echt], die ganze Geschichte seit 1866 rückgängig machen zu wollen, weil sie ihm nicht gefällt, ist Blödsinn. Aber wir kennen ja unsere Mustersüddeutschen. Mit den Narren ist nichts aufzustellen.“

Und er schließt daraus:

„Ich meine die Leute können:

1. sich der nationalen Bewegung anschließen […], soweit und solange sie sich auf Verteidigung Deutschlands beschränkt (was die Offensive bis zum Frieden unter Umständen nicht ausschließt), […]

3. jeder Annexation von Elsaß und Lothringen entgegenwirken […],

4. sobald in Paris eine republikanische, nicht chauvinistische Regierung am Ruder, auf ehrenvollen Frieden mit ihr hinzuwirken,

5. die Einheit der Interessen der deutschen und französischen Arbeiter, die den Krieg nicht gebilligt und die sich auch nicht bekriegen, fortwährend hervorzuheben“.[34]Brief von Engels am Marx vom 15. August 1870, MEW 33, S. 39, 40 und 41.

Die erste Aussage von Engels, dass man „sich der nationalen Bewegung anschließen“ könne, widerspricht den Aussagen der „Ersten Adresse“ deutlich. Während die „Adresse“ die Ambivalenz des Krieges hervorhebt, womit eine Stimmenthaltung immerhin vertretbar erschien, ist es für Engels ein reiner Verteidigungskrieg, so dass man für die Kriegskredite hätte stimmen müssen. Marx sah sich dennoch bestätigt und antwortete umgehend:

„Dein Brief stimmt ganz mit dem Plan der Antwort überein, den ich mir im Kopf bereits zurechtgemacht. Indes wollte ich in einer so wichtigen Sache – es handelt sich dabei nicht um Wilhelm, sondern um Verhaltungsinstruktion für die deutschen Arbeiter – nicht vorgehn ohne vorherige Rücksprache mit Dir.“[35]Brief von Marx an Engels vom 17. August 1870, MEW 33, S. 43 (Hervorh. im Original). Die Unterstützung für Liebknecht relativiert Marx im selber Brief gegenüber Engels sehr stark und zeigt sich … Continue reading

Die Antwort an den Braunschweiger Parteiausschuss[36]Abgedruckt als „Brief an den Ausschuß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ in MEW 17, S. 268 ff. Der Brief von Marx und Engels ist nur in den Auszügen erhalten geblieben, die in das … Continue reading arbeiteten Marx und Engels dann gemeinsam aus, als sie sich zwischen dem 22. und 30. August 1870 in Manchester trafen. Nach Deutschland geschickt wurde der Brief mit der Unterschrift von Marx allein.[37]MEW 17, S. 692, Anm. 142, s.a. ebd., S. 270.

Diesen Brief hatten Marx und Engels geschrieben und nach Braunschweig geschickt, bevor der Krieg seinen Charakter aus Sicht der Revolutionäre grundlegend geändert hatte. Deshalb ist es durchaus wahrscheinlich, dass in dem Brief erneut darauf hingewiesen wurde, dass es sich von deutscher Seite um einen gerechten Verteidigungskrieg handelte. Diese Stellungnahme erübrigte sich aber nach den Septemberereignissen: Am 2. September hatte die eingekesselte französische Armee in der Festung Sedan kapituliert und Kaiser Napoleon III. geriet in preußische Gefangenschaft. Damit war Frankreich im Prinzip besiegt, denn die gesamte Berufsarmee war in Gefangenschaft geraten oder in Festungen eingeschlossen. Daraufhin kam es im Laufe des 4. September zu Unruhen in Paris und noch am selben Tage wurde die Dritte Französische Republik und eine „provisorische Regierung der nationalen Verteidigung“ ins Leben gerufen. Das änderte alles! Durch die Etablierung einer friedenswilligen republikanischen Regierung in Frankreich hatte sich das Blatt für die deutschen Revolutionäre komplett gewendet. Denn die Versprechungen des preußischen Königs, dass der Krieg nicht gegen die Franzosen geführt werde, sondern nur gegen Napoleon III., war auf Grund des für die deutschen Länder äußerst günstigen Kriegsverlaufs vergessen. Bismarck bestand nun auf der Annexion von Elsaß und Lothringen. Die französische Regierung konnte diese Friedensbedingungen nicht akzeptieren. So wurde der Krieg noch bis in den Februar 1871 unter hohen Verlusten fortgeführt. Der Versuch der französischen Regierung, die Kapitulationsbedingungen in Paris umzusetzen (Konfiskation der Kanonen auf dem Montmartre), führte dann am 10. März 1871 zum Aufstand der Pariser Kommune.

Für die SDAP und die beiden Theoretiker in London war dies ein Glücksfall. Praktisch über Nacht war die Gefahr einer Spaltung der Partei gebannt. Der Parteivorstand der SDAP, der zuvor noch vehement für die „Vaterlandsverteidigung“ – wie ja auch Marx und Engels – eingetreten war, reagierte prompt auf die Errichtung der Republik in Frankreich und veröffentlichte am 5. September 1870 das Braunschweiger Manifest, das als Flugblatt verteilt und am 11. September in der Parteizeitung abgedruckt wurde.

Hierin betonte der Parteivorstand nochmals ausdrücklich, dass es

„unsere Pflicht, als Deutsche [war] den ‚Vertheidigungskrieg, den Krieg um die Unabhängigkeit Deutschland’ zu führen.“ Und mit gehörigem Pathos fährt er fort: „[F]reudig bewegten uns die in unerhörter Tapferkeit, in großartiger Todesverachtung von unseren deutschen Brüdern errungenen glorreichen Siege. Und gewiß können wir stolz darauf sein, einem solchen Heldenvolke anzugehören.“ Um im Anschluss darauf hinzuweisen, dass „ein ehrenvoller Frieden mit Frankreich“ im Interesse Deutschlands“ läge, „denn ein schimpflicher Frieden würde Nichts sein, als ein Waffenstillstand, geschlossen bis dahin, wo Frankreich sich wieder stark genug fühlt, den Schimpf von sich abzuwälzen.“ Das Manifest gipfele dann in der Forderung: „Die deutschen Arbeiter haben daher jetzt sofort in Masse ihre Stimme zu erheben für einen ehrenvollen Frieden mit dem französischen Volke.“

Nun folgen Auszüge aus dem Brief eines „unserer ältesten und verdientesten Genossen [der Name von Karl Marx wurde nicht erwähnt, RS] in London“, aus denen im folgenden zitiert wird.[38]„Der Volksstaat“ am 11. September 1870, S. 1 (Hervorh. im Original). Mit sehr klaren Worten hatten Marx und Engels hierin vor den gefährlichen Folgen der Bismarckschen Annexionspolitik[39]In seiner Jugend war Engels allerdings noch ganz anderer Meinung gewesen. So schrieb er 1841 unter dem Pseudonym F. Oswald: „Allerdings ist es eine fixe Idee bei den Franzosen, daß der Rhein ihr … Continue reading gewarnt, die schon den Keim eines Krieges von Frankreich und Russland gegen Deutschland„im Schoße trägt“ mit „unheilvollen Folgen“. Warnungen, die sich knapp 45 Jahre später in mehrfacher Hinsicht bewahrheiten sollten:

„Es ist das unfehlbarste Mittel, den kommenden Frieden in einen bloßen Waffenstillstand zu verwandeln, bis Frankreich so weit erholt ist, um das verlorene Terrain herauszuverlangen. Es ist das unfehlbarste Mittel, Deutschland und Frankreich durch wechselseitige Selbstzerfleischung zu ruinieren.

Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist oder ein Interesse hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen, daß der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen Deutschland und Rußland im Schoße trägt, wie der Krieg von 1866 den Krieg von 1870.

Nehmen sie Elsaß und Lothringen, so wird Frankreich mit Rußland Deutschland bekriegen. Es ist überflüssig, die unheilvollen Folgen zu deuten.

Schließen sie einen ehrenvollen Frieden mit Frankreich, so wird jener Krieg Europa von der moskowitischen Diktatur emanzipieren, Preußen in Deutschland aufgehen machen, dem westlichen Kontinent friedliche Entwicklung erlauben, endlich der russischen sozialen Revolution, deren Elemente nur eines solchen Stoßes von außen zur Entwicklung bedürfen, zum Durchbruch helfen, also auch dem russischen Volke zugute kommen.“[40]MEW 17, S. 268 f.; Hervorh. im Original.

Liebknecht und der Parteiausschuss hatten im Überschwang der Freude über die wiedererlangte Einheit der Partei, die sie mit der Veröffentlichung des Briefes dokumentieren wollten, und in der Dramatik der sich überstürzenden Ereignisse offensichtlich versäumt, beim Briefschreiber eine Genehmigung zur Veröffentlichung einzuholen. So muss Marx aus allen Wolken gefallen sein, als er seine „geheimen Winke“ aus den „Instruktionen“ „nach Braunschweig“ im Parteiblatt las, worüber er sich Engels gegenüber äußerst ungehalten zeigte. So beklagte er sich bei seinem Freund, dass er

„mit Unrecht“ „unterstellt“ hatte, „daß man nicht mit flegelhaften babies zu tun hat, sondern mit gebildeten Leuten, die wissen müssen, daß die brutale Sprache von Briefen nicht ‚für den Druck’ berechnet ist, und daß ferner in Instruktionen geheime Winke gegeben werden müssen, die nicht unter Trommelschall zu verraten sind. Well! Diese Esel drucken nicht nur ‚wörtlich’ aus meinem Brief ab. Sie zeigen auf mich mit der Heugabel als den Briefschreiber. Sie drucken dazu Sätze, wie den über ‚die Verlegung des Schwerpunkts der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland’ usw., die ihnen zur Anfeurung dienen sollten, aber unter keinen Umständen jetzt zu publizieren waren. Ich muß ihnen wohl noch dankbar sein, daß sie wenigstens meine Kritik der französischen Arbeiter nicht gedruckt haben. Und dazu schicken die Kerls in hot haste ihr kompromittierliches Machwerk – nach Paris! (von Brüssel und Genf nicht zu sprechen).

Ich werde ihnen den Kopf waschen, aber der Unsinn ist da!“[41]Brief von Marx an Engels in Manchester vom 10. September 1870, MEW 33, S. 59 (Hervorh. im Original). Engels versuchte seinen Freund im Antwortbrief mit folgenden Worten zu beruhigen: „Diese Esel in … Continue reading

Auch wenn hier das Urheberrecht verletzt worden war, so kann doch die Nachwelt froh sein, wenigstens in den veröffentlichten Auszügen den Inhalt des Briefes zu kennen, denn aus diesem gehen sehr deutlich die Gründe hervor, aus denen heraus Marx und Engels den deutsch-französischen Krieg ursprünglich so sehr begrüßt hatten und nun so vehement gegen die Annexionspolitik wetterten:

Da war zuvörderst die Emanzipation Deutschlands und Europas von der„moskowitischen Diktatur“, die „dem westlichen Kontinent [eine] friedliche Entwicklung erlauben“und „endlich der russischen sozialen Revolution […] zum Durchbruch helfen, also auch dem russischen Volke zugute kommen“ würde.

Marx und Engels hatten ihr ganzes Leben lang große Hoffnungen auf einen Krieg Preußens oder später Deutschlands gegen Russland gesetzt.[42]So behauptete Friedrich Engels bereits im Februar 1849 in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ noch vor der vollständigen Niederschlagung der bürgerlichen Revolutionen in Europa, „daß der … Continue reading Durch diesen Krieg würde „das spezifische Preußentum“ zerbrechen und zudem würde er eine „sozialen Revolution in Rußland“ bewirken.[43]So hielt Marx es für das „beste Resultat“ des deutsch-französischen Krieges, dass er „notwendig zu Krieg zwischen Deutschland und Rußland“ führen müsse, denn „das spezifische … Continue reading

Von ähnlich großer Bedeutung war die Bildung des deutschen Nationalstaates, in dem Preußen durch den Hinzutritt der süddeutschen Länder nach Meinung der beiden Strategen an Gewicht verlieren würde, mit den dadurch verbesserten Kampfbedingungen für die Arbeiterklasse.

Ein weiterer sehr wichtiger Grund, warum Marx und Engels den deutsch-französischen Krieg begrüßt hatten, war ihre Annahme, dass der Krieg zur Schwächung der französischen Arbeiterbewegung führen würde, wodurch die deutsche – marxistische – die Hegemonie gewinnen würde. Eine Einschätzung, die sich in der Tat bewahrheiten sollte.[44]So hatte Marx den deutsch-französischen Krieg mit den Worten begrüßt: „Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so die Zentralisation der State power nützlich der Zentralisation der … Continue reading Dieser Effekt wurde durch den Tod vieler französischer Revolutionäre nach der Niederlage der Pariser Kommune und den Ausschluss der Anhänger Bakunins und Proudhons, die den Aufstand der Kommune hauptsächlich getragen hatten, aus der 1. Internationale noch erheblich verstärkt.

Zudem waren die Franzosen nicht in der Lage gewesen, den Diktator durch eine – möglichst sozialistische – Revolution zu stürzen, obwohl Marx ja mit seiner Bonapartismusthese die Meinung vertreten hatte, dass die Bourgoisie und die Arbeiterklasse in Frankreich gleich stark gewesen seien, so dass Napoleon III. – scheinbar über den Klassen stehend – die Macht von der Bourgeoisie übernehmen konnte. Eigentlich hätte nach Marx’ Erwartungen die Arbeiterklasse in diesen 20 Jahren längst die Oberhand gewinnen müssen. Da ihr das nicht gelungen war, sei der Krieg, durch den das endlich gelingen werde, nun der verdiente Lohn.

Das Manifest endete mit dem Ausruf: „Es lebe die Republik!“ Im Anschluss wurde im Parteiorgan dazu aufgerufen, Kundgebungen gegen die Annexionspolitik in ganz Deutschland durchzuführen. Schließlich schloss die Seite mit einer Anrufung des „deutsche[n] Volk[es]“, worin es hieß:

„Ueber die beiden Gestade des streitigen Flusses [des Rheins, RS], reichen wir – Deutschland und Frankreich – uns die Hand! […] Proklamieren wir die Freiheit, Gleicheit, Brüderlichkeit aller Völker!“ Um zu schließen mit dem visionären Satz: „Laßt uns durch unser Bündniß die Vereinigten Staaten von Europa gründen!“[45]„Der Volksstaat“ vom 11. September 1870, S. 1 (Hervorh. im Original).

Bis diese Vision Realität werden sollte, musste noch sehr viel mit Blut gemischtes Wasser den Rhein hinunter fließen.

Noch bevor das Manifest in der Zeitung veröffentlicht worden war, wurde der gesamte Parteivorstand am 9. September verhaftet. Hierüber schrieb Karl Marx in der Zeitung „Pall Mall Gazette“ am 15. September:

„Auf Anordnung des kommandierenden Generals Vogel von Falckenstein ist nicht nur dieses Manifest beschlagnahmt worden, auch alle Mitglieder des Ausschusses, sogar der bedauernswerte Drucker des Dokuments, wurden verhaftet und wie gewöhnliche Verbrecher in Ketten nach Lötzen in Ostpreußen gebracht.“[46]MEW 17, S. 280.

Nach siebenmonatiger Haft blieben von der für Spier[47]Samuel Spier (1838-1903) – jüdischer Herkunft – war der intellektuelle Kopf der Partei und fungierte als Vorsitzender. Er zog sich nach seiner Freilassung vollständig aus der Politik zurück. geforderten mehrjährigen Freiheitsstrafe letztlich zwei Monate Gefängnis übrig. Diese war durch die viel längere Untersuchungshaft abgegolten.

Am 17. Dezember waren auch Bebel und Liebknecht sowie der zweite Redakteur der Parteizeitung Adolf Hepner[48]Adolf Hepner (1846-1923) war wie Spier jüdischer Herkunft. verhaftet worden. Nachdem sie im März 1871 wieder auf freien Fuß gesetzt worden waren, wurde ihnen im März 1872 vor dem Leipziger Schwurgericht der Prozess gemacht. Hepner wurde freigesprochen, während Bebel und Liebknecht zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt wurden. Besonders Bebel nutzte diese Zeit mit Hilfe von Liebknecht, um sich fortzubilden.[49]Eine sicherlich von der Obrigkeit nicht beabsichtigte Folge dieses Prozesses war, dass das bis dato ziemlich unbekannte „Kommunistische Manifest“ anschließend verbreitet werden durfte, weil es … Continue reading

Aber nun zurück in den September des Jahres 1870. Nachdem Karl Marx das „Braunschweiger Manifest“ in den Händen hielt, machte er sich sofort daran, eine „Zweite Adresse“ zu verfassen, die am 9. September vom Generalrat beschlossen wurde. Der „Volksstaat“ druckte sie am 21. September vollständig ab. Darin hatte Marx noch einmal darauf hingewiesen, dass es sich anfänglich um einen „Befreiung“skrieg gehandelt hatte, indem er schrieb, dass

„die deutsche Arbeiterklasse […] den Krieg, den zu hindern nicht in ihrer Macht stand, energisch unterstützt [hat], als einen Krieg für Deutschlands Unabhängigkeit und für die Befreiung Deutschlands und Europas von dem erdrückenden Alp des zweiten Kaiserreichs.“ Und pathetisch fügte er hinzu: „Es waren die deutschen Industriearbeiter, welche mit den ländlichen Arbeitern zusammen die Sehnen und Muskeln heldenhafter Heere lieferten, während sie ihre halbverhungerten Familien zurückließen.“ Daraus zog er den Schluss: „Sie verlangen nun ihrerseits ‚Garantien’, Garantien, daß ihre ungeheuren Opfer nicht umsonst gebracht worden, daß sie die Freiheit erobert haben, daß die Siege, die sie über die bonapartistischen Armeen errungen, nicht in eine Niederlage des deutschen Volks verwandelt werden wie im Jahre 1815. Und als erste dieser Garantien verlangen sie ‚einen ehrenvollen Frieden für Frankreich’ und ‚die Anerkennung der französischen Republik’.“[50]„Zweite Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“, in MEW 17, S. 276, Hervorh. Im Original.

Statt zu bedenken, dass man die Hintergründe des Krieges gar nicht kennen[51]Bebel hat in seiner Autobiografie, die kurz vor seinem Tode und dem Beginn des 1. Weltkrieges erschien, sogar bekannt, dass er, wenn er die wahren Hintergründe damals schon gekannt hätte, gegen die … Continue reading und vor allem denen, die über Krieg und Frieden zu entscheiden hatten – und das war damals nicht das Parlament, sondern der König –, keine Blankovollmacht ausstellen dürfe, vertraten Marx und Engels den Standpunkt, dass es sich um einen gerechten Verteidigungskrieg handele und deshalb den Kriegskrediten zuzustimmen sei. Der Krieg wäre erst zu verurteilen, wenn Annexionen geplant würden, so Marx. Diese Argumentation überzeugte Bebel und Liebknecht nicht. Sie blieben dabei, dass man den Kriegskrediten nicht zustimmen könne, weil Bismarck Napoleon in eine Falle gelockt habe und somit eine Mitschuld am Krieg trage. Aber durch den Sturz Napoleons III. war die Diskussion und damit auch die Krise der Partei beendet, bevor sie zu ernsten Konsequenzen geführt hatte.

Zumindest soviel kann man heute sagen, dass es – insbesondere in Zeiten der Pressezensur – äußerst schwierig sein kann, festzustellen, wer Angreifer ist und wer Angegriffener. Die Problematik des Begriffes des „gerechten Verteidigungskrieges“ – der ja bei der Bewilligung der Kriegskredite im 1. Weltkrieg eine ganz zentrale Rolle für die SPD spielen sollte – zeigte sich somit schon damals in aller Deutlichkeit und sollte 1914 verheerende Wirkungen für die SPD und die Weimarer Republik zeitigen. Denn was die Dolchstoßlegende für die Rechten, das war die Antwort auf die Frage: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“ auf der Linken, die sich damit berechtigt sah, die junge Demokratie durch immer neue Putschversuche zu beseitigen, was zwar misslang, die Position der demokratischen Parteien aber von Anfang an schwächte – mit den bekannten katastrophalen Folgen.

Das zweite Argument, das Marx und Engels auch in diesem Zusammenhang wieder vorgebracht hatten, war das Argument von der „moskowitischen Diktatur“, die beseitigt werden müsse. So hatten Marx und Engels den Sozialdemokraten, die 1914 für die Kriegskredite stimmten, die Argumente geliefert: nämlich, dass es sich um einen gerechten Verteidigungskrieg gegen das reaktionäre Russland handeln würde.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Pölking, Sackarnd 2020, S. 21.
2 Die durch den „beschönigten Sieg“ im Krimkrieg nach 1856 in Frankreich entstandene „Euphorie“ mündete „im Vorfeld des Deutsch-Französischen Krieges […] in Selbstüberschätzung“, heißt es bei Wikipedia.
3 Auf Seiten Österreichs kämpften alle größeren deutschen Staaten, die mit Ausnahme der Königreiche Hannover und Sachsen überwiegend im Süden Deutschlands lagen. Auf Seiten Preußens kämpften neben Italien vor allem die norddeutschen Kleinstaaten. Frankreich verhielt sich neutral. Diesen Krieg gewann Preußen und annektierte daraufhin das Königreich Hannover, das Kurfürstentum Hessen, das Herzogtum Nassau und die Freie Stadt Frankfurt.
4 Zitiert nach „Karl Marx: Erste Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“, in MEW 17, S. 4.
5 „Der Volksstaat“ vom 20. Juli 1870, S. 1; In Bebels Autobiografie findet sich der identische Text (Bebel 1997, S. 307). „Der Volksstaat“ war das Zentralorgan der marxistisch orientierten sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), der von Wilhelm Liebknecht als Redakteur betreut wurde. Diese Erklärung zitierte Marx zustimmend in seiner „Adresse“ (MEW 17, S. 6; Hervorh. bei Marx) – allerdings in stark verändertem Wortlaut:

„Im Namen der deutschen Demokratie und namentlich der Arbeiter der sozialdemokratischen Partei erklären wir den gegenwärtigen Krieg für einen ausschließlich dynastischen… Mit Freuden ergreifen wir die uns von den französischen Arbeitern gebotene Bruderhand… Eingedenk der Losung der Internationalen Arbeiterassoziation: ,Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘ werden wir nie vergessen, daß die Arbeiter aller Länder unsre Freunde und die Despoten aller Länder unsere Feinde sind.“

6 Bebel 1997, S. 307.
7 „Der Volksstaat“ vom 20. Juli 1870, S. 1. Auch diese Erklärungen zitierte Marx zustimmend in seiner „Adresse“ (MEW 17, S. 6), ebenfalls in verändertem Wortlaut:

„Mit tiefem Kummer und Schmerz sehn wir uns hineingenötigt in einen Verteidigungskrieg als in ein unvermeidliches Übel; aber gleichzeitig rufen wir die gesamte denkende Arbeiterklasse auf, die Wiederholung eines solch ungeheuren sozialen Unglücks unmöglich zu machen, indem sie für die Völker selbst die Macht verlangt, über Krieg und Frieden zu entscheiden und sie so zu Herren ihrer eignen Geschicke zu machen.“

8 Dieser Ausdruck bezieht sich auf den Staatsstreich von Louis-Napoléon Bonaparte (1808-1873), ein Neffe von Kaiser Napoleon I., am 2. Dezember 1851, mit dem er eine Diktatur errichtete. Ein Jahr darauf (1852) proklamierte er sich als Napoleon III. zum Kaiser und sein Land zum Zweiten Kaiserreich.
9 Der Volksstaat“ vom 20. Juli 1870, S. 1.
10 Auch die Gläubiger rechneten wohl eher mit einem französischen Sieg, denn die französische Kriegsanleihe in Höhe von 700 Millionen Franken wurde vollständig gezeichnet, während in Deutschland nur 68 Millionen zusammenkamen. Für Bebel „eine ungeheure Blamage.“ (Bebel 1997, S. 309).
11 Der 1863 von Ferdinand Lassalle gegründete Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) und die 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach ins Leben gerufene Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). Beide Parteien besaßen je drei Abgeordnete im Reichstag des Norddeutschen Bundes, der 1867 gewählt worden war. Die Vereinigung der beiden Parteien zur SPD sollte erst 1875 in Gotha vollzogen werden.
12 Wilhelm Liebknecht wollte ursprünglich sogar gegen den Antrag stimmen, weil er der – aus heutiger Sicht vollkommen richtigen – Ansicht war, dass „beide Teile am Krieg Schuld seien und wir für keinen Teil Partei ergreifen dürften.“ Bebel konnte Liebknecht schließlich mit dem Argument, dies könne „als Billigung der frevelhaften und verbrecherischen Politik Bonapartes aufgefaßt werden“, umstimmen, so dass sich beide bei der Abstimmung enthielten und dies mit der von Bebel verfassten Erklärung begründeten (Bebel 1997, S. 308).
13 Bebel 1997, S. 308; s.a. Deutschlandfunk.
14 MEW 33, S. 717, Anm. 49. Und am 29. Juli 1870 berichtete Marx an Liebknecht direkt: „Letzten Dienstag übersetzte ich ins Englische dem General Council den Reichstag-Protest von Dir und Bebel. Er wurde mit großem Beifall aufgenommen.“ (MEW 33, S. 127).
15 Marx an Paul und Laura Lafargue in Paris vom 28. Juli 1870, MEW 33, S. 126. Es dürfte sich um die Ausgabe vom 27. Juli gehandelt haben (Zeitungen wurden damals häufig auf den folgenden Tag vordatiert, so dass die Nummer am 28. Juli schon bei Marx in London angekommen gewesen sein könnte.), in der berichtet wurde, dass der norddeutsche Reichstag „gegen die zwei Stimmen unserer Abgeordneten die 120 Millionen für den Krieg bewilligt“ habe.
16 Brief von Marx an Engels vom 20. Juli 1870 (MEW 33, S. 7). Damit spielte Marx wahrscheinlich auf die Ausgabe vom 17. Juli 1870 an, in der der Redakteur noch davon ausging, dass sich Preußen den Forderungen Frankreichs gebeugt hätte, so dass ein Krieg vermieden worden wäre. Es dürften aber die Forderungen des in Sachsen (Sachsen gehörte im Krieg von 1866 gegen Preußen ebenfalls zu den Verlierern und wäre ohne den Einspruch Napoleons III. von Preußen genauso annektiert worden, wie es mit dem Königreich Hannover geschah.) Lebenden gewesen sein, die Marx so aufbrachten. Liebknecht stellte nämlich in dem Artikel fest, dass „der Nordbund […] bankerott“ sei und verlangte, dass „das Werk von 1866 ‚rückgängig gemacht’“ werden müsse, um „eine demokratische Basis zu schaffen, auf der allein die Einheit sämmtlicher Deutschen Stämme zu bewerkstelligen“ sei („Der Volksstaat“ vom 17. Juli 1870, S. 1, Hervorh. im Original). Diesen Glauben an die deutsche Einigung von unten, den die Revolutionäre der Jahre 1848/49, zu denen alle drei hier genannten ja gehörten, versucht hatten umzusetzen, hatten Marx und Engels längst aufgegeben. Sie setzten auf die Einigung von oben durch Preußen und erwarteten dadurch eine wesentlich bessere Ausgangsbasis für die Arbeiterbewegung, wie Engels z.B. am 15. August 1870 Marx schrieb: Bismarck erledigt „jetzt, wie 1866, immer ein Stück von unsrer Arbeit, in seiner Weise und ohne es zu wollen, aber er tut’s doch. Er schafft uns reineren Bord als vorher.“ (MEW 33, S. 40).
17 Brief vom 20. Juli 1870, zit. n. Eckert 1973, S. 324. Die Ergänzung in eckigen Klammern stammt vom Herausgeber des Briefwechsel, der darauf hingewiesen hat, dass „von dem umfangreichen Briefwechsel, den Liebknecht in diesen spannungsgeladenen Wochen mit Parteifreunden im In- und Ausland geführt hat, […] nicht zuletzt infolge der Polizeimaßnahmen in Braunschweig und Leipzig [wovon noch zu berichten sein wird, RS] nur ein Bruchteil erhalten geblieben“ ist (ebd., S. XXV f.).

Die Vorwürfe erscheinen ziemlich rätselhaft. Tatsächlich wurde der Bericht über die Versammlung am 16. 7., auf die der Ausschuss sich hier bezieht (s. ebd., S. 324, Anm. 2), in der Nummer 58 des „Volksstaates“ von Mittwoch, dem 20. Juli 1870, abgedruckt; ebenso wie der Hinweis auf die Versammlung am 17. Juli. Die Nummer 57 war am Sonnabend, den 17. Juli, erschienen. In dieser Nummer konnte der Bericht selbst dann nicht veröffentlicht werden, wenn man nicht davon ausgeht, dass das Datum vordatiert war und die Zeitung tatsächlich schon am 16. Juli erschienen war. Es zeigt aber, wie angespannt die Stimmung unter den Parteigenossen war.

18 Ebd., S. 324 f. (Hervorh. im Original).
19 Wilhelm Bracke „war ein deutscher Sozialdemokrat, Verleger und Publizist. Er war maßgeblich an der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP), der Vorläuferin der heutigen SPD beteiligt“ und auch deren Sprecher.
20 Eckert 1973, S. 327.
21 So hatte Liebknecht in einem Brief an Bracke vom 30. August 1870 von seinen Auswanderungsplänen nach „England oder America“ berichtet (zit. n. Eckert 1973, S. 334), „nicht aus Furcht […], sondern aus Ekel vor dem patriotischen Dusel“ (Brief an Bracke vom 1. September 1870; ebd., S. 336; Hervorh. im Original; s.a. Bebel 1997, S. 309). Zumal die Wohnung der Familie Liebknecht auch zum Ziel von Anschlägen zu werden drohte, wie Liebknecht am 13. August 1870 Marx berichtete: „Acht Tage war ich in Belagerungszustand, der Beschluß war gefaßt [durch das„infame Spießbürgertum“], mir die Fenster einzuwerfen (mit einem ¼ jährigen Kind [Karl Liebknecht; benannt nach Karl Marx, um dessen Patenschaft Wilhelm Liebknecht diesen bat, RS; Brief von Liebknecht an Marx vom 13. Mai 1870, zit. n. Eckert 1963, S. 101] für mich kein angenehmer Zeitvertreib) und die Wohnung zu demolieren, doch ich hatte mich vorgesehen und die Hunde wagten sich nicht heran.“ (Eckert 1973, S. 326, Anm. 2).
22 Zit. nach Bebel 1997, S. 309. Auch wenn die „Adresse“ wohl bewusst mehrdeutig gehalten war, hatte Marx Liebknecht ja ausdrücklich seine Zustimmung und die des Generalrates bestätigt (s. Brief von Marx an Liebknecht vom 29. Juli 1870, in MEW 33, S. 127).
23 Am 19. Juli 1870 – dem Tage der französischen Kriegserklärung – beauftragte der Generalrat Marx, eine Adresse anlässlich dieses Krieges vorzubereiten. Karl Marx schrieb die „Erste Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“ zwischen dem 19. und 23. Juli. „Die Adresse wurde vom Subkomitee des Generalrats am 23. Juli angenommen und auf der Sitzung des Generalrats am 26. Juli 1870 einstimmig gebilligt. Sie erschien zuerst in englischer Sprache unter dem Titel ‚The General Council of the International Workingmen’s Association on the war’ in der Londoner Abendzeitung ‚The Pall Mall Gazette’ vom 28. Juli 1870 und nach einigen Tagen als Flugblatt in einer Auflage von 1.000 Exemplaren. […]

In deutscher Sprache erschien die Adresse zum erstenmal im Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Eisenacher) ‚Der Volksstaat’ vom 7. August 1870, in der Übersetzung von Wilhelm Liebknecht. Dieser deutsche Text wurde von Marx überarbeitet und zum Teil neu übersetzt.“ (MEW 17, S. 669, Anm. 1). Dies erklärt auch die Unterschiede der jeweiligen Texte im „Volksstaat“ und in den Marx-Engels-Werken.

24 MEW 17, S. 5, 6 und 7 (Hervorh. im Original). Diese Erklärung wurde am 7. August 1870 im „Volksstaat“ auf der ersten Seite abgedruckt. Da die „Adresse“ nur in englischer Sprache vorlag, kam es zu Unterschieden zu dem Text in den Marx-Engels-Werken.

Die Antwort auf die Frage: „Wer ermöglichte Louis Bonaparte, den Krieg gegen Deutschland zu führen? Preußen! Bismarck war es, der mit demselben Louis Bonaparte konspirierte, um eine volkstümliche Opposition zu Hause niederzuschlagen und Deutschland an die Hohenzollerndynastie zu annexieren“ wurde durch Gedankenstriche ersetzt, was in der Anmerkung folgendermaßen begründet wurde: „Die hier folgende, Preußen und die Politik des Grafen Bismarck betreffende Stelle ist jetzt unabdruckbar.“

25 Wette 1971, S. 86. Allerdings war der Begriff nicht neu: „Eine frühe Theorie des Verteidigungskrieges legte nach 1760 der Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe vor“, wird unter dem Stichwort „Verteidigungskrieg“ bei Wikipedia ausgeführt. Und weiter heißt es dort: „1812 entwickelte Carl von Clausewitz die Theorie weiter.“ Gleich zu Beginn des besagten Artikels wird auf den folgenden Tatbestand hingewiesen: „Im Völkerrecht gilt der Verteidigungskrieg seit der Ächtung von Angriffskriegen durch den Briand-Kellogg-Pakt 1929 als der einzige gerechte Krieg, den ein Land führen kann.“ Der Briand-Kellogg-Pakt wird bei Wikipedia mit den Worten erläutert: Dieser Pakt „ist ein völkerrechtlicher Vertrag zur Ächtung des Krieges, der am 27. August 1928 in Paris von zunächst elf Nationen unterzeichnet wurde und den man nach dem US-Außenminister Frank Billings Kellogg und dem französischen Außenminister Aristide Briand benannte.

Die historische Bedeutung des Kriegsächtungsvertrages liegt darin, dass man ihn nach 1945 heranzog, um die Kriegsverbrechen Deutschlands und Japans juristisch zu verurteilen.“ Nach dem 2. Weltkrieg hat diese Vorstellung Eingang in die Charta der Vereinten Nationen gefunden.

26 Bebel 1997, S. 299 f.; Hervorh. im Original.
27 Siehe oben.
28 MEW 17, S. 6.
29 „Vorwärts“ vom 9.9.2020
30 Brief von Marx an Engels vom 12. August 1870, in MEW 33, S. 37.
31 Hiermit ist Wilhelm Liebknecht gemeint, nicht König Wilhelm.
32 Engels an Marx vom 15. August 1870, in MEW 33, S. 39-42. Hierin übt Engels auch scharfe Kritik an Wilhelm Liebknecht, dem Verbindungs- und Gewährsmann der beiden in London lebenden Nichtparteimitglieder in der Partei, die man als überheblich, ja geradezu als gehässig bezeichnen muss, wenn er schreibt: „Liebknechts bornierte Sicherheit der Prinzipienreiterei“ (S. 39), „das arme Kerlchen“ (S. 41), „der elende Wilh[elm]“ (S. 42). Schon im Mai hatte Engels sich mit unflätigen Worten („Dieses Vieh“, „dieser Ignorant hat die Unverschämtheit“) bei Marx über „Monsieur Wilhelm“ beklagt, mit dem „es nicht mehr zum Aushalten“ sei, weil Engels’ Artikelserie über den Bauernkrieg im „Volksstaat“ „in einem Durcheinander gedruckt“ worden war und von Liebknecht mit „Randglossen ohne jede Angabe des Verfassers“ versehen wurden, „die reiner Blödsinn sind“. (Engels an Marx vom 8. Mai 1870, MEW 32, S. 501). Obwohl Engels der Meinung war, er habe Liebknecht eine „unter den Umständen möglichst milde Erklärung zum Abdruck zugeschickt“, beklagte sich dieser bitter bei Marx: „Gestern erhielt ich von Engels einen saugroben Brief […] und eine mich als Schulbuben behandelnde Erklärung“. Verbittert aber nicht ohne Stolz fügte er hinzu: „Ich habe nicht den Bildungsgang durchgemacht wie Engels: ehe ich fertig war mit der Theorie wurde ich in die Praxis hineingeschleudert und führe seit 22 Jahren ununterbrochen ein ruheloses jede Muße ausschließendes Leben. Daß ich unter solchen Verhältnissen Hegel nicht so gründlich studirt habe, wie Engels versteht sich von selbst, ist aber auch keine Schande für mich.“ Innerlich schwer getroffen, fügte er hinzu: „Endlich dachte ich mit Euch im Reinen zu sein, und da kommt nun dieser <Schwei> Engels’sche Brief!“ (Brief von Liebknecht an Marx vom 13. Mai 1870; zit. nach Eckert 1963, S. 100 f.; der Brief von Engels liegt leider nicht vor).
33 Name für Napoleon III.
34 Brief von Engels am Marx vom 15. August 1870, MEW 33, S. 39, 40 und 41.
35 Brief von Marx an Engels vom 17. August 1870, MEW 33, S. 43 (Hervorh. im Original). Die Unterstützung für Liebknecht relativiert Marx im selber Brief gegenüber Engels sehr stark und zeigt sich auch noch verwundert darüber, dass Wilhelm Liebknecht fälschlicherweise aus der Billigung seines Abstimmungsverhaltens durch Marx auf eine Übereinstimmung zwischen ihm und Liebknecht geschlossen habe. Tatsächlich hatte sich in der Zwischenzeit aber nichts am Charakter des Krieges geändert, sondern einzig und allein an der Meinung von Marx über denselben. Ob dazu die „nationalistischen“ Argumente von Engels beigetragen haben oder ob Marx eigenköpfig seine Meinung geändert hat, sei dahingestellt. Er schreibt jedenfalls unmissverständlich an seinen Freund:

„Der Wilhelm schließt seine Übereinstimmung mit mir

1. aus der Adresse der Internationalen, die er sich natürlich vorher ins Wilhelmsche übersetzt hat;

2. aus dem Umstand, daß ich seine und Bebels Erklärung im Reichstag gebilligt habe. Das war ein ‚Moment’, wo die Prinzipienreiterei un acte de courage [eine mutige Tat] war, woraus aber keineswegs folgt, daß dieser Moment fortdauert, und noch viel weniger, daß die Stellung des deutschen Proletariats in einem Krieg, der national geworden ist, sich in Wilhelms Antipathie gegen die Preußen zusammenfaßt.“ (Hervorh. im Original).

36 Abgedruckt als „Brief an den Ausschuß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei“ in MEW 17, S. 268 ff. Der Brief von Marx und Engels ist nur in den Auszügen erhalten geblieben, die in das Manifest über den Krieg aufgenommen wurden, die der Ausschuß am 5. September 1870 als Flugblatt herausgab und am 11. September 1870 im „Volksstaat“ veröffentlichte (MEW 17, S. 692, Anm. 142). Wahrscheinlich ist das Original im Durcheinander der folgenden Beschlagnahmungen und Verhaftungen vernichtet worden oder verloren gegangen.
37 MEW 17, S. 692, Anm. 142, s.a. ebd., S. 270.
38 „Der Volksstaat“ am 11. September 1870, S. 1 (Hervorh. im Original).
39 In seiner Jugend war Engels allerdings noch ganz anderer Meinung gewesen. So schrieb er 1841 unter dem Pseudonym F. Oswald:

„Allerdings ist es eine fixe Idee bei den Franzosen, daß der Rhein ihr Eigentum sei, aber die einzige des deutschen Volkes würdige Antwort auf diese anmaßende Forderung ist das Arndtsche: ‚Heraus mit dem Elsaß und Lothringen!’

Denn ich bin – vielleicht im Gegensatz zu vielen, deren Standpunkt ich sonst teile – allerdings der Ansicht, daß die Wiedereroberung der deutschsprechenden linken Rheinseite eine nationale Ehrensache, die Germanisierung des abtrünning [sic!] gewordenen Hollands und Belgiens eine politische Notwendigkeit für uns ist. Sollen wir in jenen Ländern die deutsche Nationalität vollends unterdrücken lassen, während im Osten sich das Slawentum immer mächtiger erhebt? Sollen wir die Freundschaft Frankreichs mit der Deutschheit unserer schönsten Provinzen erkaufen; sollen wir einen kaum hundertjährigen Besitz, der sich nicht einmal das Eroberte assimilieren konnte; sollen wir die Verträge von 1815 für ein Urteil des Weltgeistes in letzter Instanz halten?“

Immerhin fügte er hinzu:

„Aber auf der andern Seite sind wir der Elsässer nicht wert, solange wir ihnen nicht das geben können, was sie jetzt besitzen, ein freies, öffentliches Leben in einem großen Staate. Es kommt ohne Zweifel noch einmal zum Kampfe zwischen uns und Frankreich, und da wird sich’s zeigen, wer des linken Rheinufers würdig ist. Bis dahin können wir die Frage ruhig der Entwickelung unserer Volkstümlichkeit und des Weltgeistes anheimstellen, bis dahin wollen wir auf ein klares, gegenseitiges Verständnis der europäischen Nationen hinarbeiten und nach der innern Einheit streben, die unser erstes Bedürfnis und die Basis unserer zukünftigen Freiheit ist. Solange die Zersplitterung unseres Vaterlandes besteht, solange sind wir politisch Null, solange sind öffentliches Leben, ausgebildeter Konstitutionalismus, Preßfreiheit, und was wir noch mehr verlangen, alles fromme Wünsche, deren Ausführung immer halb bleiben wird; darnach also strebt und nicht nach Exstirpation der Franzosen!“

[Engels, Friedrich] F. Oswald: Ernst Moritz Arndt. (In: „Telegraph für Deutschland“ Nr. 2, Januar 1841); in: MEW 41, S. 130 f. Siehe dazu auch Nolte 1983a, S. 331.

40 MEW 17, S. 268 f.; Hervorh. im Original.
41 Brief von Marx an Engels in Manchester vom 10. September 1870, MEW 33, S. 59 (Hervorh. im Original).

Engels versuchte seinen Freund im Antwortbrief mit folgenden Worten zu beruhigen:

„Diese Esel in Braunschweig! Sie waren bange, Du würdest es ihnen übelnehmen, wenn sie die ihnen gegebenen Gesichtspunkte verarbeiteten, und so gaben sie’s wörtlich. Eigentlich unangenehm ist indes nur die Stelle von der Verlegung des Schwerpunkts. Das zu drucken übertrifft alles an Taktlosigkeit. Indes ist zu hoffen, daß die Pariser jetzt was andres zu tun haben, als sich dem Studium dieses Manifests zu widmen, namentlich, da sie kein Deutsch verstehn.“ (Brief von Engels an Marx in London vom 12. September 1870, MEW 33, S. 61).

42 So behauptete Friedrich Engels bereits im Februar 1849 in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ noch vor der vollständigen Niederschlagung der bürgerlichen Revolutionen in Europa, „daß der Russenhaß die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und noch ist“. Als Begründung führte er an: „Wir wissen jetzt, wo die Feinde der Revolution konzentriert sind: in Rußland und den östreichischen Slawenländern“. (Friedrich Engels: „Der demokratische Panslawismus“, in „Neue Rheinische Zeitung“ vom 15. Februar 1849; in MEW 6, S. 286; über die Autorschaft s. ebd., S. 630, Anm. 204. Siehe dazu auch das Vorwort der Herausgeber, ebd., S. XI-XIII). Ausführlicher wird dieses Thema in Kapitel 5 im Unterkapitel „Die nationale Frage“ behandelt. Engels folgte hier Moses Hess, der Russland bereits als Hort der Reakton identifiziert hatte.
43 So hielt Marx es für das „beste Resultat“ des deutsch-französischen Krieges, dass er „notwendig zu Krieg zwischen Deutschland und Rußland“ führen müsse, denn „das spezifische ‚Preußentum’ […] kann nie anders existieren, außer in Allianz mit und in Untertänigkeit gegen Rußland. Auch wird solcher Krieg Nr. II als Hebamme der unvermeidlichen sozialen Revolution in Rußland wirken.“ (Brief von Marx an Friedrich Adolph Sorge vom 1. Sept. 1870, in MEW 33, S. 140). Engels grauste es dann aber 20 Jahre später vor den Folgen eines großen Krieges in Europa (Friedrich Engels: Einleitung zu Marx‘ „Klassenkämpfe in Frankreich“, in MEW 22, S. 517).
44 So hatte Marx den deutsch-französischen Krieg mit den Worten begrüßt: „Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so die Zentralisation der State power nützlich der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. Das deutsche Übergewicht würde ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehn, daß die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Übergewicht unsrer Theorie über die Proudhons etc.“ (Marx an Engels am 20. Juli 1870, MEW 33, S. 5). Und etwas später konstatierten Beide: „Dieser Krieg hat den Schwerpunkt der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegt. Damit haftet größere Verantwortlichkeit auf der deutschen Arbeiterklasse.“ (Marx und Engels in einem Brief an den Ausschuß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, geschrieben zwischen dem 22. und 30. August 1870 (MEW 17, S. 270); Hervorh. im Original).
45 „Der Volksstaat“ vom 11. September 1870, S. 1 (Hervorh. im Original).
46 MEW 17, S. 280.
47 Samuel Spier (1838-1903) – jüdischer Herkunft – war der intellektuelle Kopf der Partei und fungierte als Vorsitzender. Er zog sich nach seiner Freilassung vollständig aus der Politik zurück.
48 Adolf Hepner (1846-1923) war wie Spier jüdischer Herkunft.
49 Eine sicherlich von der Obrigkeit nicht beabsichtigte Folge dieses Prozesses war, dass das bis dato ziemlich unbekannte Kommunistische Manifest anschließend verbreitet werden durfte, weil es von der Staatsanwaltschaft als Belastungsmaterial in den Prozess eingeführt worden war. Erst danach wurde es zum bis heute sicherlich meist gedruckten, wenn nicht gar meistgelesenen politischen Manifest aller Zeiten.
50 „Zweite Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg“, in MEW 17, S. 276, Hervorh. Im Original.
51 Bebel hat in seiner Autobiografie, die kurz vor seinem Tode und dem Beginn des 1. Weltkrieges erschien, sogar bekannt, dass er, wenn er die wahren Hintergründe damals schon gekannt hätte, gegen die Kriegskredite gestimmt hätte.