Zusammenfassung:

Mit dem kurzen Aufsatz „Hegelsche Rechtsphilosophie, Einleitung“ beginnt „das eigentliche Marx’sche Denken“ (Gerd Koenen). Marx macht hier genauso spekulativ weiter, wie er es von Hegel und Bruno Bauer gelernt hatte. Nur war er inzwischen dank Moses Heß zum Kommunisten geworden und hoffte wie dieser auf die Erlösung von der Entfremdung durch das Proletariat.

Der Aufsatz erschien in den „Deutsch-Französischen-Jahrbüchern“, deren einzige Nummer er mit Arnold Ruge in Paris, wohin er mit seiner frisch angetrauten Gattin Jenny von Westfalen vor den bedrückenden deutschen Zuständen geflohen war, herausgab.

In diesem Artikel hört man noch mehr als deutlich die Religionskritik, von der Marx als Junghegelianer ja kam, heraus. Nun aber sollte es damit sein Bewenden haben und an die Stelle der Kritik der Religion müsse nun die Kritik des Rechts und der Politik treten, womit sich die „Kritik des Himmels verwandelt […] in die Kritik der Erde“, so Marx. Und der „Kampf gegen die Religion [… wurde] mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Und „Kampf“ bedeutete für Marx dabei keine sachliche Auseinandersetzung, sondern einen „Krieg“ zu führen oder in ein „Handgemenge“ zu geraten, in dem es darauf ankomme, den „Gegner […] zu treffen“.

„Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.

Und wer könnte die Verhältnisse umwerfen? „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.

Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.“

Marx war also nicht nur der Meinung, dass die Abschaffung des Privateigentums und damit der menschlichen Entfremdung durch das Proletariat in Deutschland und Europa auf der Tagesordnung stand. Er vertrat zudem die Meinung, dass dies nur geschehen könne, wenn der „Blitz des Gedankens“ des „Philosophen“ in den „naiven Volksboden eingeschlagen“ sei und die „Philosophie“ als „Kopf“ das „Proletariat“ als „Herz“ bei der „Emanzipation“ der Menschheit führen würde. Zudem würde diese Befreiung zwar vom „Schmettern des gallischen Hahns“ „verkündet“, aber das „gründliche Deutschland“ würde die „Emanzipation des Menschen“ dann verwirklichen. Seine Prophezeiungen sah Marx vollauf bestätigt durch den Schlesischen Weberaufstand, der kurze Zeit später ausbrach.

Hiermit verkündete Marx einen doppelten Politik-Chauvinismus, von dem er und auch Engels Zeit ihres Lebens nicht lassen sollten. Einmal erklärte er die Führungsrolle und damit die Überlegenheit des Philosophen gegenüber den Arbeitern und dann die Überlegenheit des so geführten deutschen Proletariats gegenüber dem Proletariat der übrigen Nationen. Und dies alles in einer Situation, in der es mit Ausnahme von England praktisch noch gar kein Proletariat gab.

Mit diesen Vorstellungen brachte er seine bisherigen Bundesgenossen, die Radikaldemokraten Bruno Bauer und Arnold Ruge, gegen sich auf, schuf aber die Grundlage für die Freundschaft mit Friedrich Engels.

Für Marx stand zu diesem Zeitpunkt die Aufhebung der Entfremdung im Mittelpunkt seines Denkens, weil er selber ein zutiefst entfremdeter Mensch war. Deshalb sollte er auch niemals die befreiende Rolle der Entfremdung erkennen, die ja Voraussetzung der Erkenntnis des Menschen selbst und der Welt um ihn herum sowie die Bedingung der individuellen Freiheit ist.

Erlösung von der Entfremdung durch das Proletariat: Hegelsche Rechtsphilosophie, Einleitung“

Kritik der Welt statt der Religion

In dem Artikel, den es nun zu analysieren gilt,[1]Marx: „Rechtsphilosophie, Einleitung“. Über diese Einleitung ist Marx niemals hinausgekommen, obwohl er seine Publikationspläne im Anschluss noch erheblich ausweitete, denn in seinen … Continue reading nennt Marx erstmals öffentlich den Erlöser von der Entfremdung des Menschen in und von der Welt: das Proletariat. In seiner Dissertation hatte er noch ganz im Banne von Hegel, den er aber schon teilweise auf den Kopf gestellt hatte, und vor allem von Bruno Bauer gestanden. In dieser Schrift bekennt er sich zumindest indirekt erstmals zum Kommunismus und gibt sich damit als Anhänger von Moses Heß zu erkennen, was einen scharfen Bruch mit seinen bisherigen Ansichten und damit auch mit Bruno Bauer bedeutete.

„Marx [stieß] weniger durch die Analyse der politischen, ökonomischen und sozialen Entwicklungen auf das Proletariat […] als im Zuge eines philosophischen Gedankenganges. Das ist der Grund dafür, warum seine erste Erwähnung der neuen Klasse […] im Vergleich zu späteren Verwendungen so blutleer erscheint und frei von Empirie ist.“[2]Gerber 2020, S. 68. Wie wir ja bereits erfahren haben, war es Moses Heß, der ihm diesen Gedankengang nahegebracht hatte.

Für Gerd Koenen beginnt mit diesem kurzen Aufsatz „das eigentliche Marx’sche Denken“[3]Koenen 22018, S. 238.. Hierin machte Marx mit einem Fanfarenstoß klar, dass die Religionskritik nun ihre Schuldigkeit getan hatte, indem er schreibt:

„Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“[4]Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, S. 379 (Hervorh. im Original, RS).

Marx hielt also die Religionskritik für die Grundlage aller weiteren Kritik. Die Bedeutung der Religionskritik im Sinne von Feuerbach ging für Marx aber noch weiter:

„Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt […]. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“[5]Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, S. 378 (Hervorh. im Original, RS). Den Begriff „Opium“ hatte übrigens zuvor schon Bruno Bauer auf die Religion gemünzt (Rosen 1977, S. 140). Auch Moses … Continue reading

Feuerbach hatte die Religion aus dem Gattungswesen[6]Zum Begriff „Gattungswesen“ siehe HKWM, Band 4, Sp. 1248-1258. des Menschen abgeleitet. Für Marx war die Entstehung der Religion nun ein Zeichen für „eine verkehrte Welt“ und gleichzeitig auch eine „Protestation gegen das wirkliche Elend“ in der Welt. Gegen diese „verkehrte Welt“ gelte es nun unmittelbar den Kampf aufzunehmen und nicht länger nur mittelbar „gegen die Religion“. Aus der Erkenntnis der Junghegelianer, dass der „Mensch die Religion macht“, zog Marx weitreichende und für sein Werk bedeutende Schlüsse:

Erstens ist die Religion „das Selbstbewusstsein“ des Menschen und damit Ausdruck, dass er sich in der Welt „verloren“ hat – ein anderer Ausdruck für die Entfremdung des Menschen sich selbst gegenüber. Zweitens ist die ganze Welt eine „verkehrte Welt“. Die Religion ist nur Ausdruck dieser „Verkehrung“ und damit erneut einer Entfremdung des Menschen der Welt gegenüber. Daraus folgte für Marx, dass der „Kampf gegen die Religion […] mittelbar der Kampf gegen jene Welt [ist], deren geistiges Aroma die Religion ist.“

Aber drittens ist die Religion auch „der Seufzer der bedrängten Kreatur“, ein Protest gegen „das wirkliche Elend.“ Und gleichzeitig dient sie auch der Betäubung der „bedrängten Kreatur“, was er in den berühmten Satz fasst: „Sie ist das Opium des Volks.“

Und er fährt fort:

„Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. […]

Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt,[7]Dies bezieht sich auf Bruno Bauer, der geschrieben hatte, dass die Ketten, die den Menschen an die Religion binden, mit Blumen geschmückt sind (siehe dazu Rosen 1977, S. 87). nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. […] Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.

Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. […] Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“[8]Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, S. 379 (Hervorh. im Original, RS).

Mit diesen blumigen und mitreißenden Worten schließt Marx aus der Religionskritik auf die Aufgaben von Geschichte und Philosophie: Es geht nun darum „die Wahrheit des Diesseits zu etablieren“. Und dies hat zu geschehen durch „die Kritik des Rechts“ und „die Kritik der Politik“.

 

„Kritik im Handgemenge“

Kritik bedeutet für Marx dabei keine sachliche Auseinandersetzung, sondern einen „Krieg“ zu führen oder in ein „Handgemenge“ zu geraten, in dem es darauf ankomme, den „Gegner […] zu treffen“:

Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt. […] Ihr Gegenstand ist ihr Feind, den sie nicht widerlegen, sondern vernichten will. […] Ihr wesentliches Pathos ist die Indignation [Empörung, RS], ihre wesentliche Arbeit die Denunziation.“

„Die Kritik, […] ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen […, um die] versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“[9]Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, in: MEW 1, S. 380 f. (Hervorh. im Original, RS).

Mit der Kritik des Rechts hatte Marx in der vorliegenden Arbeit ja nun begonnen. Aus dem Titel, in dem er ausdrücklich darauf hinwies, dass es sich um eine Einleitung zur „Kritik des Rechts“ handelt, geht hervor, dass Marx plante, auf diesem Gebiet weiter zu forschen. Davon kam er aber ganz schnell ab durch einen weiteren Aufsatz in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, den Friedrich Engels verfasst hatte,[10]Engels, Friedrich: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, in: MEW Bd. 1, S. 499-524. und der ihm bewusst machte, dass es für die Entdeckung der „Wahrheit des Diesseits“ vor allem auf die Kritik der Nationalökonomie ankomme. In der späteren marxistischen Terminologie bewegte sich Marx mit seinem Arbeitsprogramm in der Sphäre des „Überbaus“, während Engels bereits die materielle Basis in den Blick genommen hatte.

 

Die „Entfremdung“ als des Pudels Kern

Bei Marx drehte sich alles noch um den „junghegelianischen“ Begriff der „Entfremdung“. Auch bei Engels spielte diese Vorstellung eine Rolle. So schildert er in seinen Schriften durchaus entfremdete Lebensverhältnisse. Aber Engels ging zu diesem Zeitpunkt schon viel stärker von den materiellen Verhältnissen aus und weniger von philosophischen Begriffen. In späteren Jahren taucht der Begriff bei Engels nicht mehr auf und er weißt auch niemals darauf hin, welch zentrale Bedeutung dieser Begriff für Marx hatte und auch später in abgewandelter Form behalten sollte.

Aber für Marx, der nun vom radikaldemokratischen „Junghegelianer“ im Gefolge von Bruno Bauer zum kommunistischen à la Moses Heß geworden war, hatte der Begriff der Entfremdung seine zentrale Bedeutung behalten.

Denn so wie Ludwig Feuerbach die Entfremdung Gott gegenüber aufgehoben hatte durch die Erkenntnis, dass der Mensch selber es war, der Gott geschaffen hatte und nicht umgekehrt, so wollte Marx nun ebenso die Entfremdung aus der realen Welt verbannen. Damit der Mensch nicht dank der „Aufhebung der Religion“ „die phantasielose, trostlose Kette“ tragen müsse, sondern „die Kette abwerfe“:

„Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem [am Menschen, RS] demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.[11]Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, In: MEW, Bd. 1, S. 385 (Hervorh. im Original, RS).

Wer wollte diesem hehren Ziel, alle Verhältnisse umzuwerfen, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, eine geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, widersprechen? Und diese „Revolution“ „beginnt“ im „Hirn“ des „Philosophen“:

 

„Am deutschen Wesen mag die Welt genesen!“

„Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezifisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt.“[12]Ebd.

Wie bei Moses Heß, der der Meinung war, dass in Deutschland die philosophischen Grundlagen der bevorstehenden Revolution entwickelt werden müssten, während die Franzosen die politischen und die Engländer die ökonomischen Voraussetzungen entwickelt hätten, war für Marx die Philosophie die entscheidende Voraussetzung für die erfolgreiche Revolution. Aber nun betritt – wieder in den Fußstapfen von Moses Heß – der praktische Akteur die Bühne: das Proletariat!

 

Die Erlöser

“Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus, denn es ist die faktische Auflösung dieser Weltordnung. Wenn das Proletariat die Negation des Privateigentums verlangt, so erhebt es nur zum Prinzip der Gesellschaft, was die Gesellschaft zu seinem Prinzip erhoben hat, was in ihm als negatives Resultat der Gesellschaft schon ohne sein Zutun verkörpert ist. […]

Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn. […]

Die einzig praktisch mögliche Befreiung Deutschlands ist die Befreiung auf dem Standpunkt der Theorie, welche den Menschen für das höchste Wesen des Menschen erklärt. In Deutschland ist die Emanzipation von dem Mittelalter nur möglich als die Emanzipation zugleich von den teilweisen Überwindungen des Mittelalters. In Deutschland kann keine Art der Knechtschaft gebrochen werden, ohne jede Art der Knechtschaft zu brechen. Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat. Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.

Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“[13]Ebd., S. 391 (Hervorh. im Original, RS).

Hierbei handelt es sich um eine ganze Reihe von Spekulationen, die vor allem mittels der hegelschen Dialektik abgeleitet werden. So ist der Schluss, dass die Entstehung des Proletariats die „Negation des Privateigentums“ sei, weshalb dieses dazu bestimmt sei, das Privateigentum vollständig aufzuheben, eine klassisch dialektische Schlussfolgerung. Allerdings besitzt ein solcher Analogieschluss keinerlei Beweiskraft – im Gegensatz zu einem streng logischen Schluss.

Sehr bezeichnend ist auch die Feststellung, dass das Proletariat, um diese „Auferstehung“ – eine zutiefst christliche Metapher – bewerkstelligen zu können, sich der „geistigen Waffen“ der Philosophie bedienen müsse.

Bei dieser Einstellung sind die beiden Revolutionäre Zeit ihres Lebens geblieben, wie wir im Weiteren noch sehen werden. Damit wird auch deutlich, wie die spätere Bemerkung: „Die Befreiung der Arbeiterklasse muß das Werk der Arbeiterklasse selbst sein“[14]Marx/Engels: Zirkularbrief an Bebel, Liebknecht, Bracke u.a. von 1879, in: MEW, Bd. 19, S. 165. zu verstehen ist. Die Arbeiter sollen die Revolution durchführen. Richtung und Ziel muss aber die Philosophie (oder eben die Partei) vorgeben.

Die Führungsrolle der Philosophie ist auch der Grund für die Führungsrolle, die das „gründliche Deutschland“ dadurch erhält, dass Deutschland seine Knechtschaft nur brechen könne, wenn „jede Art der Knechtschaft“ gebrochen werde. Man könnte es auch so formulieren: Am deutschen Wesen mag die Welt genesen![15]Diesen Satz formulierte Emanuel Geibel (1815-1884) im Jahre 1861 in seinem Gedicht „Deutschlands Beruf“. Darin zielte er darauf ab, dass Deutschland unter der Herrschaft eines preußischen … Continue reading

Das liest sich wie eine Illustration der Bemerkung von Engels aus dem Jahre 1843: „die Deutschen wurden philosophisch zu Kommunisten, durch Schlußfolgerungen aus ersten Prinzipien.“[16]In einem Artikel, der in der britischen, sozialistischen Zeitung New Moral World“ veröffentlicht wurde (MEW, Bd. 1, S. 481). So hatte Marx zwar die Analysen von Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) und Moses Heß[17]Heß war nach Rosen auch schon der Meinung, dass mit der Aufhebung des Privateigentum die Entfremdung beendet wird (s. Rosen 1983, S. 44 ff., S. 61). aufgenommen, die ja die Meinung vertreten hatten, dass das Privateigentum die Ursache allen Übels sei und deshalb abgeschafft gehöre.[18]Nach Zvi Rosen hat dies Heß bereits 1837 in seiner „Heiligen Geschichte der Menschheit“ formuliert sowie die Verelendung der Massen und den Zusammenbruch des Kapitalismus prophezeit (s. Rosen … Continue reading Aber Marx lieferte keine Begründungen für diese Erkenntnisse, sondern nahm diese als gegeben an und zog daraus seine Schlüsse. Auf die Idee, dass die Begründung durch die ökonomische Analyse der Gesellschaft gewonnen werden könnte, kam er erst durch die Zusammenarbeit mit Friedrich Engels.

Immerhin werde die „Auferstehung“ Deutschlands durch das „Schmettern des gallischen Hahnes“ verkündet. Damit hatte Marx richtig erkannt, dass die bevorstehende Revolution in Frankreich beginnen und sich dann nach Deutschland fortsetzen werde. Was er aber – wie auch Moses Hess, der dafür später als „Reaktionär“ beschimpft wurde – völlig verkannte, war die Tatsache, dass weder in Frankreich noch in Deutschland eine Revolution auf der Tagesordnung stand, in der das Proletariat das Privateigentum aufheben würde. Davon konnte schon deshalb – im Gegensatz zu England – überhaupt keine Rede sein, weil das Proletariat – also die Arbeiter in der großen Industrie – zu diesem Zeitpunkt auf dem Kontinent so gut wie gar nicht vorhanden war.

Auf der Tagesordnung stand in Deutschland allenfalls eine bürgerlich-demokratische Revolution, die in Frankreich und England – in Frankreich sehr gewaltsam in England eher evolutionär – bereits stattgefunden hatte, so dass Deutschland statt Vorreiter zu sein, die Nachhut bildete. Bei den Gewaltausbrüchen in Frankreich ging es 1848 nur darum, in welcher Form die Bourgeoisie herrschen sollte, ob durch eine Demokratie oder eine Monarchie. Eine Tatsache, die Marx und Engels niemals anerkennen sollten; sie träumten bis an ihr jeweiliges Lebensende weiterhin von der kurz bevorstehenden proletarischen Revolution.

Wie aufs Stichwort fand im Juni 1844 der Schlesische Weberaufstand statt. Wir hatten schon erwähnt, dass Marx bei dieser Gelegenheit eine scharfe Replik gegen seinen ehemaligen engen Weggefährten Arnold Ruge im „Vorwärts“, eine in Paris von 1844 bis 1845 erscheinende deutschsprachige Wochenzeitung, veröffentlicht hatte.[19]Der Artikel von Arnold Ruge war am 27. Juli 1844 unter der Überschrift „Der König von Preußen und die Sozialreform“ mit der Unterschrift „Ein Preuße“ erschienen (MEW 1, S. 610, Anm. … Continue reading

Wenn man diese kurzen Bemerkungen liest, wird sehr deutlich, wie sehr Marx in dem Aufstand eine Bestätigung seiner Prophezeiungen in den „Jahrbüchern“ sah. So behauptete er,

„daß kein einziger der französischen und englischen Arbeiteraufstände einen so theoretischen und bewußten Charakter besaß wie der schlesische Weberaufstand.“ Und weiter:

„Der schlesische Aufstand beginnt grade damit, womit die französischen und englischen Arbeiteraufstände enden, mit dem Bewußtsein über das Wesen des Proletariats. Die Aktion selbst trägt diesen überlegenen Charakter. Nicht nur die Maschinen, diese Rivalen des Arbeiters, werden zerstört, sondern auch die Kaufmannsbücher, die Titel des Eigentums, und während alle andern Bewegungen sich zunächst nur gegen den Industrieherrn, den sichtbaren Feind kehrten, kehrt sich diese Bewegung zugleich gegen den Bankier, den versteckten Feind. Endlich ist kein einziger englischer Arbeiteraufstand mit gleicher Tapferkeit, Überlegung und Ausdauer geführt worden.“[20]MEW 1, S. 404 (Hervorh. im Original).

Das waren aus heutiger Sicht Schwärmereien eines Intellektuellen, der gerade seit einem halben Jahre Kommunist war und sich nun durch den Aufstand bestätigt sah. Er hatte zu dem Zeitpunkt weder Einblick in die Realität des Lebens der Arbeiter noch Kontakt zur Arbeiterbewegung gehabt – im Gegensatz zu Friedrich Engels, der ihn bei ihrem Treffen wenige Tage später darüber aufklären sollte. Aber nichtsdestotrotz blieb Marx – und Engels wird im später beipflichten – von der Überlegenheit der deutschen Arbeiterbewegung überzeugt, deren Ursache er im „Bildungsstand“ und in der „Bildungsfähigkeit der deutschen Arbeiter im allgemeinen“ sah. Auch seine eigene Prophezeiung, dass sich Herz (Arbeiter) und Hirn (Philosophie) in Deutschland verbinden müssten, um die Revolution zu bewerkstelligen, sah er bestätigt, indem er „an Weitlings geniale Schriften [erinnerte], die in theoretischer Hinsicht oft selbst über Proudhon hinausgehn, sosehr sie in der Ausführung nachstehen.“[21]MEW 1, S. 404 f. (Hervorh. im Original).

Auch wenn sich kurze Zeit später Marx und Engels sehr abfällig über Weitlings „Handwerkerkommunismus“ äußern und ihn später sogar aus dem von ihm mitgegründeten Bund der Kommunisten hinausdrängen werden, bleiben sie ihrem „Politik-Chauvinismus“ – also ihrem politischen Überlegenheitsgefühl – treu. Nur vertreten sie nun die Meinung, dass die überlegene Theorie von ihnen selber stamme, womit sie quasi von Beginn an, den Spaltpilz der „richtigen, wissenschaftlichen Theorie“ in die Arbeiterbewegung trugen.

Für Marx war also das Proletariat der Erlöser von der Entfremdung durch das Privateigentum. Diesen Glauben an die Massen lehnte Bauer[22]Michael Heinrich datiert die Entfremdung von Marx und Bauer richtig auf das Ende des Jahres 1842 (Heinrich 2018, S. 329). Der Grund war nicht die kommunistische Einstellung von Marx wie bei Ruge, … Continue reading – wie auch Ruge – kategorisch ab und sagte dies auch – allerdings ohne Marx beim Namen zu nennen, was Marx dann zu den wütenden Repliken in der Heiligen Familie veranlasste.

Allerdings sollte die Kritik von Bruno Bauer auch geharnischt ausfallen, denn er schrieb erstaunlich hellsichtig: „Eine andere Hypothese – die des französischen Kommunismus – führt zu demselben Ziel. […] An die Stelle des Staats tritt kurzweg der Nicht-Staat, an die Stelle der Regierung die Regierungslosigkeit, und die Einheit, Bruderliebe, Freiheit, und Gleichheit treten an die Stelle der amputierten Unterschiede – aber nur für einen Augenblick, nur als Chimäre, denn diese rohe Negation ist gezwungen, sich sogleich ebenso roh wieder aufzuheben und diese Heilmethode als erfolglos bloßzustellen. Die Masse von freien Brüdern kann ihre Freiheit und Gleichheit nur durch eine Verfassung sichern, die ‚dem Prinzip nach alle Fragen entscheidet, welche die Nahrung, Kleidung, Wohnung, Ehe, Familie, Arbeit betreffen’ – kurz, durch eine Verfassung, die die Freiheit auch in den kleinsten Dingen aufhebt. In dieser Gesellschaft wird es nur deshalb ‚keine Verbrechen und Prozesse geben’, weil sie aus Wesen besteht, die keinen Willen mehr haben. Die Einheit der Gesellschaft wird nicht mehr gestört, weil es nur ein Dogma in ihr geben wird und dieses Dogma als Ausdruck der ganzen Wahrheit alle Brüder in gleicher Weise beherrscht.“[23]Bruno Bauer: „Die Gattung und die Masse“, September 1844 (zitiert nach https://www.marxists.org/deutsch/referenz/bauer-b/1844/10/gattung.htm). Nach Zwi Rosen war dies sogar die erste öffentliche … Continue reading

 

Der Entfremdete

War der Begriff des Proletariats bei Marx zu diesem Zeitpunkt noch seltsam blutleer, so erkennt man, dass die Frage der „Entfremdung“ eine große auch emotionale Bedeutung für ihn hatte. Für Isabel Monal sind die junghegelianischen Begriffe des „Gattungswesens“, der „Entfremdung“ und der „menschlichen Emanzipation“ im Frühwerk von Marx „unauflöslich verbunden“ und „bilden [… zusammen] eine Triade der Interpretation und eine theoretische Einheit, in der die Funktion und Entfaltung jedes einzelnen Begriffs von denen der anderen Begriffe nicht getrennt werden kann, wie sich vor allem in den Ms 44 [‚Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844’] zeigt“.[24]Isabel Monal in „Gattungswesen“ (HKWM, Band 4, Sp. 1249). Und Alfred Oppolzer schreibt unter dem Stichwort „Entfremdung“: „Nicht nur dem Inhalt nach, auch explizit spielt E[ntfremdung] im gesamten marxschen Werk über die Zeit hinweg eine wichtige Rolle“,[25]HKWM, Bd. 3, Sp. 461. und Sebastiono Ghisu stellt fest: „»Entfremdung« ist zweifellos einer der zentralen und zugleich umstrittensten Begriffe des Marxismus“.[26]Stichwort „Entfremdungsdiskussion“, in HKWM, Bd. 3, Sp. 469.

So war das Proletariat für Marx – zumindest zu diesem Zeitpunkt – nur der Agent, der durch die Abschaffung des Privateigentums die „Entfremdung“ aufheben und damit die „menschliche Emanzipation“ des „Gattungswesen“ bewirken würde.

Woher aber rührte diese tiefe Abneigung gegenüber der Entfremdung bei Marx und sein Wunsch nach Erlösung von derselben? Sehr wahrscheinlich weil er selber ein zutiefst entfremdeter Mensch war. Geboren im noch stark französisch geprägten Trier fühlte er sich kaum als Franzose. Der preußische Geist der neuen Herrschaft war ihm natürlich noch fremder. Er war kein Jude mehr und damit seiner „eigenen Familie, in der einige Pfaffen und andre Feinde von mir sich eingenistet haben“,[27]Brief von Marx an Arnold Ruge vom 13. März 1843 (MEW 27, S. 417). entfremdet. Er war als Protestant den Katholiken entfremdet, die in Trier die große Mehrheit der Bevölkerung bildeten. Aber auch der Protestantismus war ihm fremd. Das Geldverdienen war ihm zuwider. Herrschaft, die über ihn ausgeübt wurde, war ihm verhasst. Diese Beweggründe hat Richard Steer sehr treffend zusammengefasst, indem er schrieb:

„Er [Marx, RS] suchte den Ausweg über die Zertrümmerung dieser sein Leben behindernden Verhältnisse. Das bedeutete eine Absage an seine Herkunft, an das Judentum und Christentum, und eine Absage an die preußisch-christliche Autorität. Marx setzte die Antithese zu seiner Gesellschaft: an die Stelle des Juden den Menschen, an die des Preußen den Kosmopoliten, an die des Kapitalisten den proletarischen Sozialisten. Der Entwurf einer umfassenden Emanzipation des Menschen in religiöser, politischer und sozialer Hinsicht ist eine Philosophie der totalen Emanzipation für Karl Marx selbst. Sein Atheismus ist Ausdruck eines religiös Verwundeten, sein Kosmopolitismus Ausdruck eines Vaterlandslosen, sein Sozialismus Ausdruck eines materiell zu kurz Gekommenen.“[28]Steer 1965, S. 172.

Man könnte sagen, dass der unrealisierbare Wunsch, die Entfremdung aufheben zu wollen, ein christlich-jüdisches-romantisches Konzept ist. Denn in der christlich-jüdischen Religion wird ja die Entfremdung von Gott, die durch den Verzehr des Apfels vom Baum der Erkenntnis und die Vertreibung aus dem Paradies ihren Ausgang nahm, aufgehoben durch den Rückkehr in dasselbe. Feuerbach hatte nun gezeigt, dass die religiöse Entfremdung viel leichter und unmittelbarer aufgehoben werden kann, nämlich durch die Erkenntnis, dass Gott nur ein menschliches Konstrukt ist. In gewissem Sinne stellt der Analogieschluss von Marx, die Entfremdung in der Welt durch die Abschaffung des Privateigentums abschaffen zu wollen, hinter Feuerbach zurück. Denn Feuerbach hatte die Entfremdung aufgehoben dadurch, dass er die Realität Gottes als etwas Eingebildetes erkannte, Marx wollte nun die Entfremdung in der Realität durch ein geistiges Konstrukt – den Kommunismus oder das Paradies auf Erden – aufheben.

Dabei hat Entfremdung ja durchaus etwas Befreiendes. Sie sorgt für kritische Distanz und Erkenntnis. Man kann sich zwar mit dem ganzen All verbunden fühlen. Aber das Denken und damit das Verstehen der Zusammenhänge sorgt dann für die Distanz und damit die Entfremdung. Deshalb ist der Mensch von seiner Grundkonstitution unvermeidlich entfremdet. Der Verstand und das Bewusstsein sorgen dafür, dass wir erkennen, dass wir keine Einheit mit der Natur oder auch mit anderen Menschen bilden, sondern einzelne und isolierte Wesen sind. Erkenntnis der Natur ist Voraussetzung der Freiheit. Abgrenzung von anderen Menschen ist Voraussetzung der individuellen Freiheit – etwas, das Marx rigoros ablehnte, wie wir im nächsten Beitrag sehen werden.

Die Urerfahrung der Entfremdung des Menschen aber ist der Tod und vor allem das Bewusstsein des Menschen von seiner eigenen Endlichkeit, die ja gerade die christliche Religion aufheben will. Wenn der Mensch nun die Religion wieder abschafft, steht zumindest diese Entfremdung wieder auf. Und sind nicht auch Schmerz, Leid, Trauer etc. Ursache von Entfremdung vom Leben? Dinge, die im Diesseits niemals vollständig ausgeschaltet werden können. Dies hatte schon Epikur erkannt, weshalb er einen „stoischen“ Umgang mit diesen unerfreulichen Seiten des Lebens empfahl.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Marx: „Rechtsphilosophie, Einleitung“. Über diese Einleitung ist Marx niemals hinausgekommen, obwohl er seine Publikationspläne im Anschluss noch erheblich ausweitete, denn in seinen „Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844“ erinnerte er an seine Ankündigung, eine „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ verfassen zu wollen. Dies erschien ihm nun dem „Reichtum und die Verschiedenartigkeit der zu behandelnden Gegenstände“ unangemessen und er plante jetzt eine ganze Schriftenreihe: „Ich werde daher in verschiednen selbständigen Broschüren die Kritik des Rechts, der Moral, Politik etc. aufeinanderfolgen lassen und schließlich in einer besondren Arbeit wieder den Zusammenhang des Ganzen, das Verhältnis der einzelnen Teile, wie endlich die Kritik der spekulativen Bearbeitung jenes Materials zu geben versuchen.“ (MEW 40, S. 467). Unnötig zu sagen, dass er auch hierzu nie gekommen ist, weil er durch die Zusammenarbeit mit Friedrich Engels auf ein ganz anderes Arbeitsfeld gestoßen wurde, so dass er sich in den folgenden Jahren hauptsächlich mit Ökonomie beschäftigte.

Im Vorfeld zu seiner „Einleitung“ hatte sich Marx mit den Paragraphen 261-313 des im Jahre 1820 erschienen Werkes Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse des vom ihm hochgeschätzten Hegel auseinandergesetzt (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 201-333). Geschrieben hatte er das Manuskript als er bei seiner Braut in Kreuznach weilte (s. MEW 1, S. 636). Das unvollständige Manuskript wurde erstmals 1927 veröffentlicht (s. ebd., S. 608, Anm. 139).

Nach Cornu und Mönke hatte er zu diesem Zeitpunkt erkannt, „daß die Hegelsche Staatsphilosophie auf einer ähnlichen Umkehrung der realen Verhältnisse beruhe, wie Feuerbach sie für die Religion und idealistische Philosophie nachgewiesen hatte.“ Mit der Erkenntnis, dass „die Gesellschaft das Wesen des Staates“ bestimmt und nicht umgekehrt, wäre Marx demnach schon auf dem Wege zu einer materialistischen Geschichtsauffassung gewesen. Auch wenn „die von ihm vorgeschlagenen Reformen noch nicht wesentlich über die Forderungen des radikalen Bürgertums hinaus“gingen (Cornu, Mönke 1961, S. XLII). Und insofern kam ihm der Aufsatz von Engels über die Nationalökonomie, der ebenfalls in den „Jahrbüchern“ erschein, sehr zu pass, der ihm die Bedeutung der ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft deutlich machte.

2 Gerber 2020, S. 68. Wie wir ja bereits erfahren haben, war es Moses Heß, der ihm diesen Gedankengang nahegebracht hatte.
3 Koenen 22018, S. 238.
4, 8 Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, S. 379 (Hervorh. im Original, RS).
5 Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, S. 378 (Hervorh. im Original, RS). Den Begriff „Opium“ hatte übrigens zuvor schon Bruno Bauer auf die Religion gemünzt (Rosen 1977, S. 140). Auch Moses Heß hatte die Vorstellung, dass die Religion – ähnlich wie das Opium – eine betäubende Funktion hat, damit die Menschen sich mit ihrem Unglück abfinden, schon vor Marx geäußert („Die Eine und ganze Freiheit“; s. Cornu, Mönke 1961, S. 227 f.). Nach Rosen stammt der Opiumvergleich wahrscheinlich von dem französischen Aufklärer und Atheisten Holbach (Rosen 1983, S. 198 f., Anm. 84).
6 Zum Begriff „Gattungswesen“ siehe HKWM, Band 4, Sp. 1248-1258.
7 Dies bezieht sich auf Bruno Bauer, der geschrieben hatte, dass die Ketten, die den Menschen an die Religion binden, mit Blumen geschmückt sind (siehe dazu Rosen 1977, S. 87).
9 Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, in: MEW 1, S. 380 f. (Hervorh. im Original, RS).
10 Engels, Friedrich: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, in: MEW Bd. 1, S. 499-524.
11 Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, In: MEW, Bd. 1, S. 385 (Hervorh. im Original, RS).
12 Ebd.
13 Ebd., S. 391 (Hervorh. im Original, RS).
14 Marx/Engels: Zirkularbrief an Bebel, Liebknecht, Bracke u.a. von 1879, in: MEW, Bd. 19, S. 165.
15 Diesen Satz formulierte Emanuel Geibel (1815-1884) im Jahre 1861 in seinem Gedicht „Deutschlands Beruf“. Darin zielte er darauf ab, dass Deutschland unter der Herrschaft eines preußischen Kaisers der Kriegsgelüste seiner Nachbarn durch „Macht und Freiheit, Recht und Sitte, klare[n] Geist und scharfe[n] Hieb“ Einhalt gebieten werde. Diese Vorhersage war jedenfalls wesentlich zutreffender als die Prophezeiung einer proletarischen Revolution durch Karl Marx. Eine derartige Revolution hat in Deutschland bis heute nicht stattgefunden, während die Vereinigung Deutschlands unter dem preußischen Kaiser zehn Jahre später Realität war. Allerdings wurde Deutschland dadurch nicht zur Friedensmacht, sondern sein Griff nach größerer Macht – womit dieser Spruch heute assoziiert wird – war eine der wesentlichen Ursachen des 1. Weltkrieges.
16 In einem Artikel, der in der britischen, sozialistischen Zeitung New Moral World“ veröffentlicht wurde (MEW, Bd. 1, S. 481).
17 Heß war nach Rosen auch schon der Meinung, dass mit der Aufhebung des Privateigentum die Entfremdung beendet wird (s. Rosen 1983, S. 44 ff., S. 61).
18 Nach Zvi Rosen hat dies Heß bereits 1837 in seiner „Heiligen Geschichte der Menschheit“ formuliert sowie die Verelendung der Massen und den Zusammenbruch des Kapitalismus prophezeit (s. Rosen 1983, S. 52 f.).
19 Der Artikel von Arnold Ruge war am 27. Juli 1844 unter der Überschrift „Der König von Preußen und die Sozialreform“ mit der Unterschrift „Ein Preuße“ erschienen (MEW 1, S. 610, Anm. 160). Marx schrieb seine Erwiderung bereits am 31. Juli 1844 (ebd., S. 409), die am 7. und 10. August erschien (ebd., S. 392 u. 404). Ruge hatte die Maßnahmen des Königs als unzureichend kritisiert und den Aufstand in seiner Bedeutung nicht erkannt – wie Marx in seinem Antwortartikel mit beißender Ironie behauptete. Die Freunde hatten sich entzweit, nachdem Marx Kommunist geworden war. Und wie kurze Zeit später auch Bruno Bauer wurden gerade die ehemaligen engen Weggefährten von Marx besonders scharf von ihm angegriffen, wenn sie einem gedanklichen Schwenk von ihm nicht folgen wollten oder sich gar kritisch darüber äußersten.
20 MEW 1, S. 404 (Hervorh. im Original).
21 MEW 1, S. 404 f. (Hervorh. im Original).
22 Michael Heinrich datiert die Entfremdung von Marx und Bauer richtig auf das Ende des Jahres 1842 (Heinrich 2018, S. 329). Der Grund war nicht die kommunistische Einstellung von Marx wie bei Ruge, weil er diese ja erst ein Jahr später entwickelt hatte. Bauer verübelte Marx einen redigierten Brief von Georg Herwegh, den er am 29. November 1842 in der „Rheinischen Zeitung“ abdruckte. Darin werden Herwegh und Ruge mit ihrer Kritik an den „Freien“ – eine Berliner Gruppe, zu der auch Bruno Bauer und sein Bruder gehörten – mit den Worten zitiert, „daß die ‚Freien’ durch ihre politische Romantik, Geniesucht und Renommage die Sache und die Partei der Freiheit kompromittiren“. Und weiter heißt es dort: „Wenn Herwegh also die Gesellschaft der Freien, die einzeln meistens treffliche Leute sind, nicht besucht hat, so geschah es nicht, weil er etwa eine andere Sache verficht, sondern es geschah lediglich darum, weil er die Frivolität, die Berlinerei in der Art des Auftretens, die platte Nachäfferei der französischen Klubbs […] haßt und lächerlich findet.“ (MEGA2 I/1, S. 371; s. dazu auch die Briefe von Herwegh und Ruge an Marx in MEGA2 III/1, S. 379-390). Wenn Marx seinen engen Freund, der ja erst kurz zuvor seine Stelle an der Universität Bonn verloren hatte (s. Brief an Marx vom 16. März 1842, in MEGA2 III/1, S. 371), weshalb Marx seine Habilitationspläne begraben musste, nicht bewusst verletzen wollte, dann zeigt sich zumindestens das völlige Fehlen jeglichen Einfühlungsvermögens von Marx für Verletzungen, die seine Worte – auch wenn es sich hier „nur“ um Zitate anderer handelte – bei engen Freunden hervorrufen müssen. Bauer jedenfalls war tief verletzt, wie aus seinem kühlen Brief vom 13. Dezember 1842 (MEGA2 III/1, S. 386 ff.) hervorgeht, in dem er Marx vorwarf, auch in der Sache im Unrecht zu sein und ungeprüft Behauptungen aus dritter Hand vertraut zu haben. Marx hatte Bauer als Freund verprellt, aber dafür Ruge gewonnen.

Es ist eine feine Ironie der Geschichte, dass Marx sich mit den „Freien“ wegen ihrer „weltumwälzungsschwangre[n] und gedankenleere[n] Sudeleien […], mit etwas Atheismus und Kommunismus […] versetzt“ überwarf, die sich „bei Rutenbergs [der Schwager von Bruno Bauer und vorherige Chefredakteur der Zeitung; Marx hatte ihn in einem Brief an seinen Vater vom 10. November 1837 als „mein intimster der Berliner Freunde“ bezeichnet (MEW 40, S. 10), RS] gänzlichem Mangel an Kritik, Selbständigkeit und Fähigkeit [… daran] gewöhnt hatten, die ‚Rh[einische] Z[eitung]’ als ihr willenloses Organ zu betrachten“, wie sich Marx bei Arnold Ruge beklagte (Brief vom 30. November 1842; in: MEW 27, S. 411), während ein Jahr später – nun war Marx Kommunist – Bruno Bauer die erste substantielle Kritik des Kommunismus veröffentlichen sollte, was wiederum Marx auf die Palme brachte.

23 Bruno Bauer: „Die Gattung und die Masse“, September 1844 (zitiert nach https://www.marxists.org/deutsch/referenz/bauer-b/1844/10/gattung.htm). Nach Zwi Rosen war dies sogar die erste öffentliche grundlegende Kritik an den neuen kommunistischen Ideen, denen nun auch Marx anhing (s. Rosen 1977, S. 223 f.). Demnach sah Bauer voraus, dass die Abschaffung des Staates einerseits politisches Chaos hervorrufen würde, mit der Folge, dass anschließend eine Despotie entstände, deren Staatsorgane eine größere Macht besäßen, als es frühere Staaten jemals hatten (s. ebd., S. 226) – ein wahrlich bedrückend realistisches Bild einer totalitären Gesellschaft, wie sie der Realsozialismus später scheinbar zwangsläufig hervorbringen sollte.

Es ist erstaunlich, dass ein Zeitgenosse von Marx klarer erkannte, welche Konsequenzen die Verwirklichung von Marx’ – damals ja erst im Keim entwickelte – Theorie haben würde, als viele heutige Marx-Verteidiger, die sich nicht eingestehen wollen, dass die kommunistischen Staaten ihre Despotien auf der Theorie von Marx errichtet haben und nicht, indem sie seine Ideen missbraucht haben.

24 Isabel Monal in „Gattungswesen“ (HKWM, Band 4, Sp. 1249).
25 HKWM, Bd. 3, Sp. 461.
26 Stichwort „Entfremdungsdiskussion“, in HKWM, Bd. 3, Sp. 469.
27 Brief von Marx an Arnold Ruge vom 13. März 1843 (MEW 27, S. 417).
28 Steer 1965, S. 172.