Kurzfassung

Karl Marx und Bruno Bauer entwickelten sich in enger Zusammenarbeit zu Atheisten und Marx wurde dabei zu einem „spekulativen Materialisten“, der von bestimmten Grundprinzipien ausgehend Schlüsse zog, die für die Realität zu gelten hätten. Wie bei anderen „Junghegelianer“ auch setzte sich bei Bruno Bauer bei der Beschäftigung mit dem Neuen Testament immer mehr die Erkenntnis durch, dass dieses keine Offenbarung Gottes und damit der hegelschen Idee sein könne, sondern eine Schöpfung von Menschen. Daraus zog Ludwig Feuerbach – ebenfalls ein „Junghegelianer“ – den Schluss, dass Gott selber eine Schöpfung des Menschen sei. Damit war Gott dem Menschen gegenüber keine fremde Macht mehr. Diese Erkenntnis war es, die Marx an Feuerbach elektrisierte, und nicht dessen Materialismus, wie Engels behauptet hatte. Denn damit hatte dieser die Entfremdung des Menschen von Gott aufgehoben, denn dieser war nun ein Teil des Menschen selbst und Ausdruck des „Gattungswesens“. Nun hoffte Marx, dass es möglich sein müsse, auch andere Entfremdungen des Menschen aufzuheben – die Entfremdung von der Natur, vom „Gattungswesen“, vom Menschen, von sich selber und von der Arbeit. Den Weg, wie das geschehen und wer das bewerkstelligen könnte, wurde Marx dann von Moses Hess gewiesen.

Die Bedeutung von Hegel, Bauer und Feuerbach für Marx

Materialismus oder Idealismus – ist das die entscheidende Frage?

Zunächst muss man sich fragen, ob die entscheidende Wendung im Denken von Marx tatsächlich der Wechsel vom Idealismus zum Materialismus war. Und wenn ja, ob Feuerbach oder wer sonst dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat. Es ist allerdings fraglich, ob das Widerspruchspaar Materialismus-Idealismus für die Einordnung der Gedanken von Hegel und der verschiedenen Junghegelianer und insbesondere für die Beurteilung der Veränderungen des philosophischen Standpunktes von Marx nicht mehr verdeckt als enthüllt. Besser geeignet erscheint mir das Begriffspaar Spekulation-Empirie oder TranszendenzImmanenz.[1]Auf diese Begrifflichkeit bin ich durch Armin Wildermuths ganz hervorragende Arbeit (Marx und die Verwirklichung der Philosophie, im folgenden zit. als Wildermuth 1970) gestoßen. Engels hat ja die … Continue reading Hierin hat mich Sahra Wagenknecht durch ihrer vorzügliche Magisterarbeit[2]Wagenknecht 2013. Die Magisterarbeit reichte sie 1996 an der niederländischen Reichsuniversität Groningen ein, da sie „an der Ostberliner Humboldt-Universität kein Verständnis mehr für ihr … Continue reading über die Schriften von Marx zu Anfang der 1840er Jahre bestärkt. Darin charakterisiert sie die „theoretische Position, die sich in Marxens Aufsätzen in der »Rheinischen Zeitung« spiegelt, [… als] im Kern […] objektiv-idealistisch“[3]Ebd., S. 116., während sie Hegels Ableitung der „Funktion [… des bonapartistischen] Staates“ „aus der ökonomischen und Klassenstruktur“ als „völlig materialistisch“[4]Ebd., S. 128. bezeichnet. Während sie in der Sache damit völlig recht hat, wie wir im Folgenden sehen werden, kann die Begrifflichkeit hier zu Verwirrungen führen. Denn natürlich war Hegel durch und durch Idealist, insofern er der Meinung war, dass die Realität nur die Selbstverwirklichung der sich entwickelnden Idee (Logos) sei. Aber insofern war er Empiriker – oder eben nach Wagenknecht „Materialist“ –, als er von der Entwicklung der Realität auf die Entwicklung der Idee schloss. Marx war zu diesem Zeitpunkt im Gefolge von Bruno Bauer auf jeden Fall bereits Atheist. Aber er ging eben nicht von der Realität aus, um zu politischen Folgerungen zu gelangen, sondern er ging von seinem Menschenbild aus und schloss daraus „spekulativ“ – oder eben „idealistisch“ – auf den „idealen Staat“.

Auch Michael Heinrich hat in seiner aktuellen und sehr detaillierten Biografie treffend darauf hingewiesen, dass der Frage,

„ob Marx in seiner Dissertation ‚noch’ einen philosophischen Idealismus oder ‚schon’ einen Materialismus vertreten habe“, „die Vorstellung zugrunde[liegt], dass es einen wohldefinierten idealistischen Kontinent und einen ebenso wohldefinierten materialistischen Kontinent gibt und dass sich der junge Marx wie auf einer Fähre vom einen zum anderen Kontinent bewegt“.[5]Heinrich 2018, S. 352 f.

Mit einem Schuss Ironie für die Verzwicktheit des menschlichen Denkens könnte man also sagen, Hegel war ein empirischer Idealist und Marx vertrat Anfang der 1840er Jahre einen „spekulativen Materialismus“[6]Diesen Begriff für das Denken von Marx in dieser Zeit habe ich in einem kleinen Aufsatz in der Festschrift anlässlich des 65. Geburtstages von Prof. Helmuth Albrecht benutzt (s. Schröder 2020, S. … Continue reading. Auf jeden Fall war damals eine gehörige Portion raffinierter Dialektik am Werke!

Es begann mit der Bibel

Um nun mehr Klarheit über die verzwickte Gemengelage der damaligen philosophischen Positionen zu gewinnen, muss man sich erst mal darüber klar werden, dass bereits bei Hegel, aber mehr noch bei den „Junghegelianer“[7]Michael Heinrich betont: „Vor allem von marxistischer Seite aus wurde der ‚Junghegelianismus’ lange nur als Vorläufer und Stichwortgeber von Marx und Engels wahrgenommen.“ Er weist auch … Continue reading, die Religionskritik eine ganz zentrale Rolle spielte. Die französischen Materialisten waren ja praktisch von Haus aus Atheisten, weshalb die Religion von ihnen verworfen wurde. Der deutsche Materialismus und damit auch der Marxismus erwuchsen dagegen aus einer äußerst gründlichen Analyse und Kritik des Christentums. Die Ursache hierfür lag bei Hegel selber, der seiner Philosophie die Annahme zugrunde gelegt hatte, dass sich die absolute Idee (Logos) in der Natur selbst entäußert und damit entfremdet hätte. In der christlichen Religion hat sie sich dem Menschen offenbart, durch die Philosophie schließlich kann der Mensch die absolute Idee erkennen, die sich damit selbst erkennt, womit die Entfremdung aufgehoben wäre. Damit bestand die Aufgabe des Philosophen darin, die Erkenntnisse über die Natur (als „Entäußerung“ des „Logos“) und die Offenbarung des „Logos“ in der Bibel (insbesondere im Neue Testament, denn das Alte Testament hatte Hegel schon als zu „unvernünftig“ verworfen) in Einklang zu bringen.[8]Siehe bezüglich der Religionsphilosophie von Hegel Rosen 1977, S. 21 ff. Dort weist er darauf hin, dass es von der orthodoxen Seite her sehr scharfe Kritik an Hegel gab, in der ihm vorgeworfen … Continue reading

Für Hegel hatte die Philosophie die Hegemonie über die Religion inne, was in gewissem Sinne die Aufhebung des Kerns jedweder Religion – des Glaubens – zur Folge hatte. Er hat damit auch die Rolle der Philosophie überdehnt, was den Untergang seiner Philosophie zur Folge hatte.[9]Aus diesem Grunde wurde Hegel von konservativer Seite auch vorgeworfen, er wäre Pantheist. Und Bauer ist sogar soweit gegangen im Zuge seiner Abwendung von Hegel zu behaupten, dass Hegel selber … Continue reading Eine wesentliche Lehre daraus war die strikte Trennung von Religion und Philosophie, also von Vernunft und Glauben. Eine Ansicht, die ja schon Kant gut begründet vertreten hatte und die im Materialismus-Streit noch mal auf die Tagesordnung gesetzt werden sollte. Was nicht bedeutet, dass sich Religionswissenschaft und -philosophie nicht der Vernunft bedienen dürften. Aber letztlich ist der Kern jedweder Religion in der Regel widervernünftig, da der Glauben sonst keine Basis mehr hat.

Die mittelalterliche Scholastik hatte sich ja im Prinzip dieselbe Aufgabe gestellt, nämlich das Wissen der alten Griechen und die Bibel in Einklang zu bringen. Die Scholastiker waren hieran vollständig gescheitert, hatten damit aber manchen Anstoß zur Herausbildung der modernen Wissenschaften gegeben. So ist es wenig verwunderlich, dass auch diejenigen Schüler von Hegel, die sich der Aufgabe stellten, Vernunft und Bibel unter einen Hut zu bringen, daran scheiterten. Aber auch in diesem Fall entstand aus dem Scheitern etwas grundlegend Neues, von dem wir heute noch profitieren.[10]Selbst Engels schrieb über diese Zeit über 40 Jahre später: „Und doch war sie [der Vormärz, RS] die Periode der Vorbereitung Deutschlands für die Revolution von 1848; und alles, was seitdem … Continue reading

Die Sprengkraft des „Falles Bauer“

Der erste, der erfolgreich scheiterte, war David Friedrich Strauß[11]Näheres zu Strauß und der Entwicklung seines Denkens in Rosen 1977, S. 29 ff., der mit seiner 1835/36 bei Osiander in Tübingen In zwei Bänden erschienene Schrift „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“ unerhörtes Aufsehen erregte. Er wandte das
„Prinzip des Mythos […] auf den gesamten Inhalt der evangelischen Geschichte an, welche er als Produkt des unbewusst nach Maßgabe des alttestamentlich jüdischen Messiasbildes dichtenden urchristlichen Gemeingeistes deutete.“[12]Wikipedia: David Friedrich Strauß

Dem trat der junge Theologe Bruno Bauer im Jahre 1835 sofort und als erster vehement entgegen, was ihn über Nacht in Deutschland berühmt machte und ihm wachsendes Prestige bei den konservativen Hegelianern einbrachte.[13]S. Rosen 1977, S. 36 f.

„Wenige Jahre später wandelte er selbst sich zum Evangelienkritiker und vertrat die Auffassung, dass sich keine historische Person Jesus von Nazareth nachweisen lasse. In der ‚Kritik der evangelischen Geschichte des Johannes’ und der ‚Kritik der evangelischen Geschichte der Synoptiker’[14]„Das Johannesevangelium stimmt zwar in groben Zügen mit Inhalt und Aufbau der drei Synoptiker [Markus, Matthäus und Lukas, RS] ebenfalls überein, jedoch haben die drei synoptischen Evangelien … Continue reading entwickelte er seine Thesen zum literarischen Ursprung der Evangelien. Diese seien freie Produktionen eines religiösen Selbstbewusstseins mit keiner oder nur geringer historischer Basis.“[15]Wikipedia: Bruno Bauer

Karl Marx und Bruno Bauer waren von 1837 bis 1842 enge Freude.[16]Heinrich 2018, S. 327 In dieser Zeit entwickelten sich beide zu entschiedenen Atheisten. Marx, so Heinrich, muss schon im Jahre 1837 den Glauben an Gott verloren haben, wie aus seinen Gedichten an seine Verlobte hervorginge,[17]Heinrich 2018, S. 323. „Bauers Übergang zum Atheismus muss jedenfalls vor Januar 1840 stattgefunden haben“, ergänzt Heinrich. Daraus folgert er, „dass Bauers atheistische Wende vor und unabhängig von seiner Evangelienkritik erfolgte.“[18]Heinrich 2018, S. 318. Da Bauer und die anderen Freunde von Marx und Bauer viel stärker im Protestantismus verwurzelt waren als der erst im Jugendalter zum Christentum konvertierte Marx, vermutet Heinrich, dass es letzterer war, „der seinen Freund Bauer in den Jahren 1838 und 1839 zum Atheismus führte oder ihn zumindest auf seinem Weg zum Atheismus bestärkte.“[19]Heinrich 2018, S. 330.

Wie es auch immer gewesen sein mag, sicher ist, dass beide im Jahre 1841 entschiedenen Atheisten waren,[20]Es gab offenbar in den Jahren 1840/41 sogar gemeinsame Pläne, ein „Journal des Atheismus“ zu begründen (s. Heinrich 2018, S. 330). während die Frage Materialismus oder Idealismus für sie noch keine Rolle spielte, obwohl sich beide näher mit den französischen Materialisten beschäftigt und Marx eine Dissertation über Demokrit und Leukipp angefertigt hatte, die beide einen entschiedenen Materialismus vertraten. Anfangs versuchte Bauer, seinen Atheismus und die Erkenntnis, dass die Evangelien keine Offenbarungen Gottes gewesen sein konnten, als vereinbar mit der Philosophie von Hegel darzustellen. Schließlich kam er aber zu der Ansicht, dass die ganze Hegelsche Philosophie unbrauchbar sei, die Wirklichkeit zu erklären.

Seine Hoffnung auf eine Universitätslaufbahn als Theologe hatte sich mit Veröffentlichung seiner Bücher über die Evangelisten natürlich zerschlagen. Die akademischen Pläne von Karl Marx, den Bauer unbedingt zu sich an die Universität Bonn holen wollte, hatten sich damit ganz ohne dessen Zutun ebenfalls erledigt, da Bauer sein Versprechen einer Dozentenstelle für ihn in Bonn nun nicht mehr einlösen konnte.

Jürgen Kunz hat in seiner Dissertation[21]Kunz 1983. Kunz begeht in seiner hochinteressanten Dissertation an der Universität Leipzig eine erfolgreiche Gratwanderung, indem er versucht, die Ehre von Bruno Bauer zu retten, ohne Marx und … Continue reading die Sprengkraft des „Falles B. Bauer“ sehr treffend beschrieben: Dieser eigne sich „in ganz besonderer Weise“ dazu, den Nachweis zu führen,

„daß gerade die Religionsphilosophie Hegels zu einem hochexplosiven geistigen Sprengstoff wurde, als sie unter den Händen seiner jüngeren Schüler stets konsequenter und furchtloser mit der dialektischen Energie ihres ‚Meisters’ angereichert wurde. Hat B. Bauer doch im Prozeß zunehmender Besinnung auf die Dialektik seine auf Hegels Religionsphilosophie gegründete spekulative Theologie schließlich samt den ihr inhärenten politischen Akkommodationen und Bravheiten selbst in die Luft gesprengt und während dieses Prozesses von ‚rechts’ bis ‚extrem links’ alle drei Richtungen der Hegelschen Schule in persona repräsentiert.“[22]Kunz 1983, S. 7.

Bauer hatte nicht nur erkannt, dass das Neue Testament keineswegs eine Offenbarung des „Logos“ war, wie Hegel gemeint hatte, sondern dass es von Menschen geschrieben worden war. Er hatte zudem erkannt, dass der preußische Staat keineswegs ein Garant der Freiheit war – auch dies eine Meinung des Altmeisters Hegel –, sondern diese auf verschiedenen Gebieten, wie er am eigenen Leibe im Bereiche der Wissenschaft zu spüren bekommen hatte, bekämpfte. Durch diese Erkenntnisse wurde er vom Saulus zum Paulus – vom Gegner der „Linkshegelianer“ zu deren radikalstem Wortführer und geistigem Kämpfer gegen Staat und Religion in Preußen. Wobei – und das ist hier das Entscheidende – ihn sein Freund und Schüler Karl Marx auf seinem Weg begleitet und sich ebenfalls radikalisiert hat.[23]Marx verteidigte Bauer gegen Gruppe, s. MEW, Bd. 40, S. 381 ff.

Feuerbach: Gott wird zur Erfindung des Menschen

Den krönenden Abschluss der Religionskritik setzte dann der Philosoph Ludwig Feuerbach mit seinem Werk „Das Wesen des Christentums“ im Jahre 1841.

„Feuerbach gelangte so zu einer Erklärung, die im modernen Sinne humanwissenschaftlich ist: Die Religion ist nicht einfach ‚Unsinn’ oder ‚Aberglaube’, sie ist die bildhafte Äußerung von Eigenschaften und Impulsen, von ‚Kräften’, die der Mensch als so wichtig und wesentlich empfindet, dass sie für ihn sein ‚Wesen’, sein eigentliches Menschsein ausmachen: Die Religion ist ‚identisch … mit dem Bewusstsein des Menschen von seinem Wesen’.“[24]Ludwig Feuerbach: Gesammelte Werke 5, S. 29, zitiert nach Wikipedia: Ludwig Feuerbach.

Das Buch schlug ein wie eine Bombe und nach dem Bonmot von Friedrich Engels waren „alle momentan Feuerbachianer.“[25]Engels: Feuerbach, in: MEW, Bd. 21, S. 272. Feuerbach führte die Religion auf das Wesen des Menschen – in seinen Worten das „Gattungswesen“ – zurück. „Durch seine in breiten Kreisen als befreiend empfundene Religions- und Idealismuskritik wurde Feuerbach zur intellektuellen Leitfigur der Dissidentenbewegungen des ‚Vormärz’.“[26]Wikipedia: Ludwig Feuerbach. Feuerbach wie schon Bauer vertrat nun die Ansicht, dass der eigentliche „Gott“ der Mensch selber sei und dieser seine Freiheit erkämpfen müsse, um damit seine Entfremdung in der Welt aufzuheben oder zumindest zu verringern.

Marx begeisterte an Feuerbach besonders, dass es ihm gelungen war, die „Entfremdung“ – ein Begriff der auch schon bei Bruno Bauer und Marx zentral gewesen war – des Menschen von Gott durch die Erkenntnis, dass Gott eine Erfindung des Menschen sei, aufzuheben. Damit wurde Gott, der bisher dem Menschen als „fremde“ und übermächtige Gestalt gegenübergetreten war, durch Feuerbach wieder zum Produkt und damit geistigem Bestandteil des Menschen selber. Mit der Aufhebung von Gott, war nun auch die „Entfremdung“ des Menschen zu Gott aufgehoben.

Schon Hegel hatte den Begriff „Entfremdung“ benutzt, ihm aber eine ganz andere Bedeutung beigemessen. Bei Hegel erkennt die „Idee“ sich selbst durch den Bewusstwerdungsprozess des Menschen. Dadurch wird die Selbstentfremdung der Idee aufgehoben, die dadurch entstanden war, dass die Idee sich in der Natur selbst entäußert hatte. Bei Feuerbach erkennt der Mensch Gott als seine eigene Schöpfung und beendet dadurch seine eigene Selbstentfremdung, indem ihm sein „Gattungswesen“ bewusst wird.

Für Bauer und Feuerbach – und auch schon für Hegel[27]Der entscheidende Unterschied zwischen Hegel und den „Junghegelianer“ lag darin, dass Hegel hierbei auf den preußischen Staat vertraute, während seine radikalisierten Schüler glaubten, die … Continue reading – sollte die Erlangung der bürgerlichen Freiheiten die Entfremdung des Menschen in der Welt teilweise aufgeheben, da hierdurch die Unmündigkeit des Menschen beseitigt werden würde. Bei Feuerbach bleibt aber die Entfremdung durch den Tod bestehen, den er „als eine blinde, kalte, gefühllose Macht“ bezeichnete, was durchaus schon an Camus gemahnt.[28]Beim Tod seiner dreijährigen Tochter schrieb er: „Die Macht des Todes erscheint als eine blinde, kalte, gefühllose Macht, der es ebenso gleichgültig ist, ob er auf einen Würdigen oder einen … Continue reading Gegen den Tod hatte ja gerade die Religion eine hilfreiche Medizin bereitgehalten – oder zumindest eine sanfte Betäubung. Hierauf müssen Atheisten naturgemäß verzichten. Den Begriff „Opium“ hatte übrigens schon Bruno Bauer auf die Religion gemünzt,[29]Rosen 1977, S. 140. bevor Marx sein berühmtes Diktum vom „Opium des Volkes“[30]Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, S. 378. niedergeschrieben hatte.

Es war die Möglichkeit der Aufhebung der „Entfremdung“, die Marx an Feuerbach geradezu elektrisierte – und nicht die Wendung von Feuerbach zum Materialismus. Den Schritt zum „spekulativen Materialismus“[31]Katja Diefenbach hatte diesen Begriff bereits 2018 benutzt, aber auf die postmarxistische Spinoza-Rezeption gemünzt (s. Diefenbach 2018). hatte Marx bereits im Gefolge von Bruno Bauer vollzogen. Und spekulativ blieb seine Philosophie vorerst in hohem Maße. Denn anders als die französischen und die naturwissenschaftlichen Materialisten in Deutschland und auch im Gegensatz zu Friedrich Engels, der sich von der Ökonomie her dem Materialismus genähert hatte, kam Marx von der spekulativen Philosophie eines Hegel und Bauer.[32]Tristram Hunt vertritt die Meinung, dass die frühen ökonomischen Betrachtungen von Engels auch schon auf der Anwendung des Feuerbachen Begriffs der „Entfremdung“ beruhen (s. Hunt 2013, S. 136 … Continue reading

Aufhebung der Entfremdung von Gott durch Feuerbach: Marx will mehr

Aber Marx gingen die Vorstellungen von Feuerbach nicht weit genug. Ihm genügte es nicht, dass der Mensch die religiöse Entfremdung durch die Selbsterkenntnis, dass die Vorstellung von Gott sein eigenes Werk ist, aufhebt. Wie schon Bruno Bauer, der ebenfalls der Meinung war, dass die Entfremdung des Menschen auch in der Gesellschaft aufgehoben werden müsse, wollte Marx nun jedwede Entfremdung aufheben – als da wären: die Entfremdung von der Natur, vom Gattungswesen, von den Mitmenschen, von sich selber und auch noch die Entfremdung von der Arbeit. Wie er die vermeintliche Lösung fand, wird sich im nächsten Kapitel zeigen.

Dabei werden wir sehen, dass Karl Marx in der Frage der Aufhebung der „Entfremdung“ im gesellschaftlichen Leben, die für ihn nun zur zentralen Frage werden sollte, die er sich auf philosophischem Gebiet stellte, eine radikal andere Ansicht als seine bisherigen Mitstreiter entwickelte.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Auf diese Begrifflichkeit bin ich durch Armin Wildermuths ganz hervorragende Arbeit (Marx und die Verwirklichung der Philosophie, im folgenden zit. als Wildermuth 1970) gestoßen. Engels hat ja die Meinung vertreten, dass es „nicht mehr darauf an[kommt], Zusammenhänge im Kopf auszudenken, sondern sie in den Tatsachen zu entdecken.“ (Engels: Feuerbach, S. 306). Das bedeutet aber, dass die Zusammenhänge der Welt immanent (so die Bezeichnung von Wildermuth für diesen Tatbestand) sind. Marx dagegen ist von tranzendentalen (wieder die Bezeichnung von Wildermuth) Begriffen ausgegangen, wie „Selbstbewusstsein“, „Gattungswesen“ und „Entfremdung“ und hat daraus Schlüsse bezüglich der Realität gezogen. Sarah Wagenknecht nennt dies „objektiv-idealistisch“, ich habe es „spekulativen Materialismus“ genannt. Man kann es aber auch als Transzentalphilosophie bezeichnen, wie Wildermuth es tut.
2 Wagenknecht 2013. Die Magisterarbeit reichte sie 1996 an der niederländischen Reichsuniversität Groningen ein, da sie „an der Ostberliner Humboldt-Universität kein Verständnis mehr für ihr Forschungsziel fand“. Die Untersuchung wurde 1997 erstmals als Buch veröffentlicht (Wikipedia: Wagenknecht).
3 Ebd., S. 116.
4 Ebd., S. 128.
5 Heinrich 2018, S. 352 f.
6 Diesen Begriff für das Denken von Marx in dieser Zeit habe ich in einem kleinen Aufsatz in der Festschrift anlässlich des 65. Geburtstages von Prof. Helmuth Albrecht benutzt (s. Schröder 2020, S. 259).
7 Michael Heinrich betont: „Vor allem von marxistischer Seite aus wurde der ‚Junghegelianismus’ lange nur als Vorläufer und Stichwortgeber von Marx und Engels wahrgenommen.“ Er weist auch darauf hin, dass es äußerst schwierig ist, „‚den’ Junghegelianismus inhaltlich zu bestimmen und abzugrenzen, weil es jenseits der Kritik kaum einen wirklichen gemeinsamen inhaltlichen Kern gab.“ So „resultierte die Religionskritik [… bei nicht wenigen] in atheistischen Positionen und die zuerst recht vorsichtige Kritik an Preußen führte bei vielen schließlich zur Forderung nach demokratischen und republikanischen Verhältnissen, bei einigen zu kommunistischen Auffassungen.“ (Heinrich 2018, S. 303, 309 u. 308).
8 Siehe bezüglich der Religionsphilosophie von Hegel Rosen 1977, S. 21 ff. Dort weist er darauf hin, dass es von der orthodoxen Seite her sehr scharfe Kritik an Hegel gab, in der ihm vorgeworfen wurde, Gott in eine abstrakte Idee verwandelt zu haben, die sich an Hegels Logik halten müsse. Oder es hieß, er habe die Distanz zwischen Gott und Mensch aufgehoben oder sei ein Pantheist oder gar ein Atheist (ebd. S. 27).
9 Aus diesem Grunde wurde Hegel von konservativer Seite auch vorgeworfen, er wäre Pantheist. Und Bauer ist sogar soweit gegangen im Zuge seiner Abwendung von Hegel zu behaupten, dass Hegel selber Atheist gewesen wäre.
10 Selbst Engels schrieb über diese Zeit über 40 Jahre später: „Und doch war sie [der Vormärz, RS] die Periode der Vorbereitung Deutschlands für die Revolution von 1848; und alles, was seitdem bei uns geschehn, ist nur eine Fortsetzung von 1848, nur Testamentsvollstreckung der Revolution.“ (Engels: Feuerbach, in: MEW, Bd. 21, S. 265).
11 Näheres zu Strauß und der Entwicklung seines Denkens in Rosen 1977, S. 29 ff.
12 Wikipedia: David Friedrich Strauß
13 S. Rosen 1977, S. 36 f.
14 „Das Johannesevangelium stimmt zwar in groben Zügen mit Inhalt und Aufbau der drei Synoptiker [Markus, Matthäus und Lukas, RS] ebenfalls überein, jedoch haben die drei synoptischen Evangelien weit mehr Gemeinsamkeiten bezüglich Sprache und des gemeinsamen Textmaterials.“ (Wikipedia: Synoptische Evangelien).
15 Wikipedia: Bruno Bauer
16 Heinrich 2018, S. 327
17 Heinrich 2018, S. 323.
18 Heinrich 2018, S. 318.
19 Heinrich 2018, S. 330.
20 Es gab offenbar in den Jahren 1840/41 sogar gemeinsame Pläne, ein „Journal des Atheismus“ zu begründen (s. Heinrich 2018, S. 330).
21 Kunz 1983. Kunz begeht in seiner hochinteressanten Dissertation an der Universität Leipzig eine erfolgreiche Gratwanderung, indem er versucht, die Ehre von Bruno Bauer zu retten, ohne Marx und Engels dabei zu kritisieren, die Bauer ja mit ihrer Kritik seine Ehre abgeschnitten hatten.
22 Kunz 1983, S. 7.
23 Marx verteidigte Bauer gegen Gruppe, s. MEW, Bd. 40, S. 381 ff.
24 Ludwig Feuerbach: Gesammelte Werke 5, S. 29, zitiert nach Wikipedia: Ludwig Feuerbach.
25 Engels: Feuerbach, in: MEW, Bd. 21, S. 272.
26 Wikipedia: Ludwig Feuerbach.
27 Der entscheidende Unterschied zwischen Hegel und den „Junghegelianer“ lag darin, dass Hegel hierbei auf den preußischen Staat vertraute, während seine radikalisierten Schüler glaubten, die Freiheit nur im Kampf gegen eben diesen Staat erlangen zu können.
28 Beim Tod seiner dreijährigen Tochter schrieb er: „Die Macht des Todes erscheint als eine blinde, kalte, gefühllose Macht, der es ebenso gleichgültig ist, ob er auf einen Würdigen oder einen Unwürdigen trifft, als es dem Stein gleichgültig ist, ob er auf einen Klotz oder auf einen Menschen fällt. Und diese Macht wartet nicht etwa, wie der fromme Wahn wähnt – am wenigsten gilt dieser fromme Wahn bei jungen Wesen –, bis die Anlagen entwickelt, das Lebensvermögen angewandt ist. Nein! Sie zertritt die Knospe, ehe sie sich zur Blume entfaltet.“ (https://buber.de/christl/unterrichtsmaterialien/feuerbach).
29 Rosen 1977, S. 140.
30 Marx: Rechtsphilosophie, Einleitung, S. 378.
31 Katja Diefenbach hatte diesen Begriff bereits 2018 benutzt, aber auf die postmarxistische Spinoza-Rezeption gemünzt (s. Diefenbach 2018).
32 Tristram Hunt vertritt die Meinung, dass die frühen ökonomischen Betrachtungen von Engels auch schon auf der Anwendung des Feuerbachen Begriffs der „Entfremdung“ beruhen (s. Hunt 2013, S. 136 ff.).